Berdan Zündhütchen

in alter 9,3x72R Munition

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Hallo Lutz,

im Kurzurlaub an der Ostsee habe ich Zeit etwas in alter Dokumentation zu wühlen.

Vor langer Zeit habe ich von Dir einmal das KJG-S für meinen alten Meffert Hahn-/ Försterdrilling bekommen. Es handelt sich um ein ausgezeichnetes Stück alter Waffengeschichte. Historisch und kaum für den täglichen Gebrauch bestimmt, aber eine Waffe muß geführt werden können, sonst ist es keine Waffe mehr. Mit guten Beziehungen habe ich ihn technisch prüfen und zart aufarbeiten lassen. Die Schrotläufe zeigten Rostnarben, aber nachdem ich selbst die Bohrungen gemessen habe war schnell klar, daß man sie durch hohnen retten konnte. Der Kugellauf war nur leicht matt, aber das Patronenlager zeigte auch leichten Rostbefall. Dafür war der Verschluß stramm und dicht wie bei einer Neuwaffe. Der Vorbesitzer hatte die Waffe mutig mit Hochwild tauglicher Ladung mittels extra schwerer Geschosse und harter Ladung geschossen.

Mein Büchsenmacher, der sein Handwerk noch beherrscht, hat die Schrot-Läufe gehohnt und bis auf ganz wenige kleine Narben sind sie wieder spiegelblank. Die Patronenlager wurden auf 16/70 aufgerieben und dann kam der Tag des Neubeschusses.

Die Suhler sind bekannt für ihre Gründlichkeit. Schon so manche Ferlacher Waffe (so auch mein Ferlacher Drilling nach Einbau eines EL) mußten nachgearbeitet werden, bevor sie die Prüfung dort bestanden.

Auch der Meffert Drilling passierte den Beschuß im ersten Anlauf nicht. Der Kugellauf war viel zu eng. Offensichtlich noch für Bleigeschosse gefertigt. Man kann sich vorstellen welche Belastung in dem Zustand von der starken Ladung bei jedem Schuss ausgegangen ist. Ich hatte den Eindruck, daß meinem BüMa dieser Zustand gerade Recht kam, hatte er so doch Gelegenheit die alte Ziehbank bei seinem Lehrmeister zu nutzen. Der Kugellauf wurde auf CIP maß aufgezogen, damit zugleich wieder blank wie neu und das Patronenlager etwas aufgerieben. Danach war der Beschuß nur noch eine Formsache.

Im Vertrauen auf das gute Stück habe ich mich anschließend daran gemacht eine KJG-S Ladung zu entwickeln. Ziel war die 2000 bar nicht auszureizen und möglichst meine reichlich vorhandenen neuen Berdan Hülsen in 9,3x72R noch zu nutzen.

Letztlich kam ich auf eine Ladung mit N202, die eine sehr gute Füllung bei nicht zu Höhem Druck ergab, und habe Berdan und Boxer Hülsen damit geladen und beim Beschußamt testen lassen. Niemand war vorher in der Lage mir eine Prognose zur Wirkung der unterschiedlichen Bezünderung abzugeben.

Hier also das Ergebnis. Bei gleicher Ladung, und etwa 95% Ladeverhältnis, ergab die Ladung mit den Boxer Hülsen im Mittel einen um 100 bar höheren Druck, aber auch insgesamt eine viel höhere Schwankungsbreite. Eine offizielle Zulassung hätte die Ladung nie bekommen und an der Präzision würde ich auch zweifeln. Dagegen ist die Berdan Ladung zwar niedriger im Gasdruck, dafür aber äußerst gleichmäßig. Die Ladung erreicht eine Geschwindigleit von etwa 800 m/sec bei knapp 1800 bar. Da wäre also noch etwas Luft nach oben.

Bei der ungünstigen Hülsenform scheint sich die Geometrie der Berdan Zündung mit den kreisförmig angeordneten, außermittigen Zündkanälen positiv auf die Gleichmäßigkeit der Zündung und des Abbrandes auszuwirken.

Geschossen habe ich die Ladung leider bisher noch nicht, da ich zunächst keine Zeit gefunden hatte das Zeiss Glas zu montieren, das im Schrank wartete. Aber die Waffe ist langsam alt geworden, da will man sich bei der Restauration nicht hetzen. Inzwischen habe ich einen Büchsenmacher Rohling für den fehlenden Hinterfuß erstanden, die Haken nach den Maßen der Waffe vorgefräst, gefeilt und mit Ruß saugend eingepaßt, das Glas montiert und bald sollte es zum Schießtand gehen.

Auch wenn du dieses Kaliber auf Deiner Seite nicht mehr führst und es wohl nur historische Bedeutung hat, werde ich gern weiter vom Ergebnis berichten.

Viel Erfolg bei Deinen Entwicklungen und nicht vergessen. Ein hervorragender Entwickler zu sein ist eine Seite, ohne ebenso hervorragendes Marketing ist es zumeist nur ein kleiner Erfolg. Applaus ist schließlich das Brot des Künstlers. Danke für diese karge Schnitte.

Volker T. Sonntag, 10. Oktober 2010 10:21

9,3x72R mit Berdan - Zündung II

Sehr geehrter Herr Moeller,

neben meiner Bitte, meine Zuschrift wieder nur mit meinen Initialen zu kennzeichnen, erlaube ich mir einen kurzen Erfahrungsbericht zum Handladen der o.g. Patrone zu geben:

Aus einem Nachlaß in den Besitz eines echten Hahn - Doppelbüchsdrillings (also oben quer zwei Kugelläufe, darunter zentrisch ein Schrotlauf, Kaliber 16/65) in wunderschönr, alter Suhler Aufmachung und bestem Erhaltungszustand mit doppelter Laufhakenverriegelung und Puppenkopf als Verschlußelement der Laufschiene geraten, wollte ich das Schön Stück natürlich auch in Gebrauch nehmen, denn wie der vorstehende Autor richtig schreibt, ist eine Jagdwaffe nur dann eine Waffe, wenn man sie auch als solche einsetzt.

Ich habe mich aber damals erst gar nicht mit dem Fummelkram der berdanbezünderten alten (wer weiß wie alten und ggfs. versprödeten) Hülsen aufgehalten, sondern gleich 100 Stück neue Hülsen von RWS an Land ziehen können. Diese Hülsen habe ich nicht nur auf die vorgeschriebene L3 geprüft bzw. einheitlich gekürzt und entgratet, sondern auch

> alle Zündkanäle innen entgratet und angetrichtert, damit der Zündstrahl gleichmäßig und kreisförmig in die Breite des Ladungsquerschnittes eintreten kann, sondern auch

> alle Zündglocken auf identische Tiefe und Durchmesser gerieben.

Diese - aus der Ladetechnik für sportliche Hochpräzisionspatronen herrührende Bearbeitungsweise - ist zwar mühsam, aber einmalig, und zeitigte erhebliche Präzisionsverbesserungen meiner Handladung in Verbindung mit dem Federal 210 Match - Zündhütchen (Streukreise bei sonst völlig gleichen Komponenten, Werkzeugen und Ladetechniken wurden h a l b i e r t !), das ich als Ersatz für das nicht mehr gefertigte Hirtenberger 1125 einsetze.

Das vor genannte Hirtenberger - ZH'n war speziell für Kipplaufwaffen mit schwachem Schlagbolzenhieb entwickelt. Das Fed 210 M hat nach meinen Erfahrungen die gleiche Sensibilität und liefert immer tadellose Trefferbilder.

So auch hier : die Testbeschüsse (DEVA) meiner Handlung mit einem ~ 15 g schweren Delsing - TM - halbspitz - Verbundgeschoß und N550 - ich weiß, daß Sie von VihtaVuory - TLM nicht viel halten - aber das füllte die Hülse bestens (>96%) und lieferte zulässige Drucke bei einer Schnelle des Geschosses von > 624 m/s, erfüllte damit auch die Anforderung unseres Jagdgesetzes an die Mindestenergie, zeigte beim Druck (geprüft wurden 10 Patronen) eine Standardabweichung von weniger als 30 bar und bei der Schnelle von weniger als 3m/s !

LM: Sehr gut, erstklassig!

Mit dieser Ladung hat ein alter Büchsenmachermeister, der Zeit seines Lebens nichts Anderes gemacht hat, als Doppelbüchsen zu garnieren, den DBD neu verlötet und über das mitgelieferte Drückjagdzielfernrohr einreguliert: 5 Doppelschüsse auf 100 m ! - nicht wie die nach wie vor gültige „Wannsee - Norm“ der DEVA auf 80 m! - treffen in ein Quadrat von 4 x 4 cm ! Und nicht nur in der Summe weniger als 7 cm Streuung!

Seitdem habe ich mit dieser Ladung aus diesem Gewehr mehr als 120 Stück Hochwild auf den Drückjagden in den vergangenen 10 Jahren erlegt. Mein Rat : man sollte sich von den meist gealterten und damit versprödeten Berdan - Hülsen in solchen alten, aber guten Kalibern trennen und gleich neue Hülsen - wie oben geschildert - verwenden und bearbeiten. Dem Besitzer des schönen alten Drillings viel Erfolg und Waidmannsheil.

Mit freundlichen grüßen Ihr W. L. Samstag, 16. Oktober 2010 11:25

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