Die Geschichte des gezogenen Gewehrs

Friedrich Engels

Geschrieben Ende Oktober 1860 bis Mitte Januar 1861. Erschienen als Artikelserie in "The Volunteer Journal, for Lancashire and Cheshire".

I in Nr. 9 vom 3. November 1860
II in Nr. 11 vom 17. November 1860
III in Nr. 14 vom 8. Dezember 1860
IV in Nr. l5 vom 15. Dezember 1860
V in Nr. 17 vom 29. Dezember 1860
VI in Nr. 18 vom 5. Januar 1861
VII in Nr. 19 vom 12. Januar 1861
VIII in Nr. 20 vom 19. Januar 1861

Aus dem Englischen.
aus: Karl Marx/Friedrich Engels, Artikel und Korrespondenzen 1860,

Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 15, 4. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 195-226.

1. Korrektur erstellt am 18.09.1998


I

<197> Das gezogene Gewehr ist eine deutsche Erfindung, die gegen Ende des 15. Jahrhunderts gemacht wurde. Die ersten gezogenen Gewehre wurden offenbar nur zu dem Zweck hergestellt, das Laden einer Waffe mit einer fast genau passenden Kugel zu erleichtern, Deshalb waren die Züge gerade, ohne jede Spiralwindung, und sie dienten lediglich dazu, die Reibung der Kugel im Lauf zu verringern. Die Kugel selbst wurde mit einem eingefetteten Stückchen Tuch aus Wolle oder Leinen (dem Pflaster) umgeben und so ohne große Schwierigkeiten hinuntergestoßen. Diese Büchsen, so primitiv sie auch waren, müssen weit bessere Resultate erzielt haben als die glattläufigen Gewehre jener Zeit, deren Kugeln einen beträchtlich kleineren Durchmesser als das Kaliber hatten.

Später wurde die Beschaffenheit der Waffe durch die den Zügen gegebene Spiralwindung, die die Bohrung des Laufs in eine Art Schraubenmutter verwandelte, vollkommen verändert. Die Kugel, die wegen des eng anliegenden Pflasters den Zügen und damit auch der Schraubenwindung folgen mußte, behielt so eine spiralförmige Umdrehung während ihrer ganzen Flugbahn. Es stellte sich bald heraus, daß dieses Verfahren, das die Kugel in Rotation versetzt, Schußweite und Genauigkeit der Waffe gewaltig steigerte, und so verdrängten die spiralförmigen Züge sehr schnell die geraden.

Dies war das Modell des gezogenen Gewehrs, das mehr als 200 Jahre allgemein benutzt wurde. Wenn man von den Stechern und sorgfältiger gearbeiteten Visieren absieht, ist es bis 1828 kaum verbessert worden. Diese Büchse war der glattläufigen Muskete an Genauigkeit weit überlegen, aber nicht so sehr in der Schußweite; über 300 bis 500 Yard hinaus konnte man sich auf sie nicht verlassen. Dabei war es verhältnismäßig schwer zu laden, das Hinunterstoßen des Geschosses war eine sehr langwierige Tätigkeit; das Pulver und die mit dem Pflaster umgebene Kugel mußten jedes für sich <198> in den Lauf gebracht werden, und man konnte nicht mehr als einen Schuß in der Minute abfeuern. Diese Nachteile machten die Büchse für den größten Teil der Armee ungeeignet, besonders in einer Zeit, wie es das 18. Jahrhundert war, in der alle Schlachten durch das schnelle Feuer der deployierten Linien entschieden wurden. Bei dieser Taktik war die alte, glattläufige Muskete mit all ihren offenkundigen Unzulänglichkeiten immer noch eine Waffe, die bei weitem vorzuziehen war. So finden wir, daß die Büchse die bevorzugte Waffe für den Pirscher und Gemsjäger blieb und daß ausnahmsweise mit dieser Waffe einige Scharfschützenbataillone nur in solchen Armeen ausgerüstet wurden, die diese Bataillone aus einer genügenden Anzahl von geübten Jägern unter der Bevölkerung rekrutieren konnten.

Die Kriege der amerikanischen und französischen Revolutionen riefen eine große Veränderung in der Taktik hervor. Seit dieser Zeit wurde die aufgelöste Ordnung in jedem Engagement angewandt. Der Einsatz von Schützen gemeinsam mit Linien oder Kolonnen wurde das eigentliche Charakteristikum des modernen Kampfes. Die Hauptkräfte werden den größten Teil des Tages zurückgehalten; sie stehen in Reserve oder man manövriert mit ihnen, um sie auf den schwachen Punkt des Feindes zu konzentrieren. Sie werden nur in entscheidenden Momenten eingesetzt; während dieser Zeit sind aber die Schützen und ihre unmittelbare Unterstützung ständig im Kampf. Der größte Teil der Munition wird von ihnen verbraucht, und die Ziele, auf die sie schießen, sind selten größer als die Front einer Kompanie. In den meisten Fällen müssen sie auf einzelne Gegner feuern, die durch schützende Objekte gut gedeckt sind. Die Wirkung ihres Feuers ist jedoch von größter Bedeutung, weil jeder Angriff dadurch sowohl vorbereitet und jedem feindlichen Angriff damit zuerst begegnet wird. Von den Schützen erwartet man, daß sie sowohl die Widerstandskraft der Detachements schwächen, die die Bauernhäuser oder Dörfer besetzt halten, als auch dem Angriff einer vorrückenden Linie die Schärfe nehmen. Mit der alten Brown Bess konnte keine dieser Aufgaben wirksam durchgeführt werden. Wer jemals im Feuer von Schützen stand, die mit glattläufigen Musketen bewaffnet waren, kann nur die äußerste Geringschätzung für ihre Wirkung bei mittleren Schußweiten empfunden haben. Doch auch das alte Modell des gezogenen Gewehrs war für die Mehrzahl der Schützen nicht geeignet. Um das Hinunterstoßen der Kugel zu erleichtern, mußte es kurz sein, so kurz, daß es nur ein dürftiger Griff für ein Bajonett war. Deshalb wurden Schützen nur in solchen Stellungen eingesetzt, in denen sie vor einem Bajonett- oder Kavallerieangriff sicher waren.

<199> Unter diesen Umständen ergab sich folgende dringende Aufgabe: eine Feuerwaffe zu erfinden, welche die Schußweite und die Genauigkeit der Büchse mit der Schnelligkeit und Leichtigkeit des Ladens und mit der Länge des Laufs der glattläufigen Muskete vereint, eine Waffe also, die zugleich Büchse und Nahkampfwaffe ist, welche man jedem Infanteristen in die Hand geben kann.

So sehen wir also, daß gerade durch die Einführung des Kampfes in aufgelöster Ordnung in die moderne Taktik sich die Forderung nach einer solchen verbesserten Kriegswaffe erhob. Immer, wenn im 19. Jahrhundert das Bedürfnis nach einer Sache entsteht und dieses Bedürfnis durch die gegebenen Umstände gerechtfertigt ist, wird es gewiß befriedigt. In diesem Fall geschah es. Fast alle Verbesserungen, die an Handfeuerwaffen seit 1828 vorgenommen wurden, dienten diesem Zweck.

Bevor wir jedoch versuchen, einen Überblick über die Verbesserungen zu geben, die so große und zahlreiche Veränderungen bei den gezogenen Feuerwaffen hervorbrachten, indem sie das alte System fallenließen, die Kugel in den Lauf hinunterzustoßen, sei es uns gestattet, einen Blick auf die Versuche zu werfen, das gezogene Gewehr zu verbessern und dabei doch an der alten Methode des Ladens festzuhalten.

Die Büchse mit ovaler Bohrung, die in England als Lancaster-Gewehr bekannt ist, war mehr als 40 Jahre auf dem Kontinent im Gebrauch. Sie wird in einem deutschen Militärbuch erwähnt, das 1818 gedruckt wurde. Oberst Berner in Braunschweig verbesserte sie und ließ die ganze Infanterie dieses Herzogtums 1832 damit bewaffnen. Die Bohrung war nur leicht oval, und die ovale Kugel wurde auf alte Weise hinuntergestoßen. Dieses ovale Geschoß sollte jedoch nur beim Tiraillieren verwendet werden. Für Salvenfeuer wurden die Soldaten mit runden Kugeln kleineren Kalibers ausgestattet, welche den Lauf ebenso leicht hinunterrollten wieirgendeine Musketenkugel. Jedoch sind die Unzulänglichkeiten dieses Systems offensichtlich. Es ist nur deshalb bemerkenswert, weil es der erste Versuch war, die gesamte Infanterie einer Armee mit gezogenen Gewehren auszurüsten.

In der Schweiz verbesserte ein Zivilingenieur und Schützenoffizier, Herr Wild, die Büchse beträchtlich. Seine Kugel war im Verhältnis zum Kaliber kleiner als üblich und so beschaffen, daß sie die Züge nur mit dem Pflaster passieren konnte; eine Scheibe auf dem Ladestock verhinderte, daß er zu tief in den Lauf eindringen und dadurch die Kugel so dicht an die Ladung heranstoßen konnte, daß das Pulver zerquetscht wurde. Die Windungen der Züge wurden vermindert und die Ladung verstärkt. Wilds Gewehr erzielte - bei einer Schußweite von über 500 Yard und einer sehr <200> flachen Flugbahn - sehr gute Resultate; darüber hinaus ermöglichte es, mehr als 100 Schüsse abzufeuern, ohne zu verschmutzen. Es wurde in der Schweiz, in Württemberg und Baden übernommen; aber jetzt ist es natürlich veraltet und überholt.

Die modernste und beste Büchse, die nach dem Druckprinzip gebaut wird, ist das neue Schweizer Scharfschützen-Regulationsgewehr. Für diese Waffe wurde das amerikanische Prinzip eines sehr kleinen Kalibers übernommen. Das Kaliber ist nicht größer als 10,5 mm oder 0,42 Zoll. Der Lauf ist nur 28 Zoll lang und hat acht flache Züge (eine Umdrehung auf vierunddreißig Zoll). Der Ladestock ist mit der von Wild eingeführten Scheibe versehen. Das Geschoß ist zylindrisch-ogival und sehr lang. Es wird mit Hilfe eines eingefetteten Pflasters hinuntergestoßen. Die Ladung ist verhältnismäßig stark und besteht aus einem sehr grobkörnigen Pulver. Diese Waffe hat die erstaunlichsten Wirkungen gezeigt, und bei den Versuchen mit verschiedenen Gewehren, die kürzlich von der holländischen Regierung durchgeführt wurden, stellte man fest, daß ihm in bezug auf Schußweite, Genauigkeit und flache Flugbahn keines gleichkam. Tatsächlich ist bei einer Schußweite von 600 Yard der höchste Punkt der Flugbahn nur acht Fuß sechs Zoll, so daß bei dieser Entfernung die ganze Flugbahn des Geschosses für die Kavallerie und die letzten 100 Yard der Flugbahn selbst für die Infanterie gefährlich sind. Mit anderen Worten, ein Irrtum in der Berechnung der Entfernung von 600 Yard um 100 Yard würde die Kugel nicht daran hindern, ein sechs Fuß Höhes Objekt zu treffen. Das ist ein Resultat, mit dem jedes andere gezogene Gewehr bei weitem übertroffen wird; die allerbesten von ihnen brauchen eine Elevation, welche die höchsten Punkte der Flugbahn bei 600 Yard auf 13 bis 20 Fuß erhöht und den Gefahrenraum von 60 bis auf 25 Yard verringert. Diese außergewöhnlich flache Flugbahn wird durch das kleine Kaliber der Waffe hervorgerufen, das ein stark verlängertes, bolzenförmiges Geschoß und eine verhältnismäßig starke Ladung zuläßt. Bei einem kleinen Kaliber kann das Gewehr sehr widerstandsfähig sein, ohne plump zu werden, das Geschoß kann lang sein, ohne schwer zu werden, und die Ladung kann verhältnismäßig stark sein, ohne einen zu starken Rückschlag hervorzubringen. Es ist gewiß , daß die stärkere Ladung nichts mit den ausgezeichneten Schießergebnissen des Gewehrs zu tun hat. Tatsächlich ist sie der einzige Nachteil dieser Waffe und verhindert, daß sie generell für die Infanterie verwendet wird. Die Schweizer haben sie deshalb auf ihre Scharfschützenkompanien beschränkt, in deren Händen sie zweifellos außergewöhnlich gute Erfolge zeitigen wird.

<201> Im nächsten Artikel werden wir zeigen, wie das gezogene Gewehr zu einer Waffe entwickelt wurde, die geeignet ist, in die Hand eines jeden Infanteristen gelegt zu werden.

II

Delvigne, ein französischer Offizier, war der erste, der versuchte, das gezogene Gewehr zu einer Waffe zu entwickeln, die für die gesamte Infanterie geeignet ist. Er erkannte, daß zu diesem Zweck die Kugel so leicht oder beinahe so leicht in den Lauf gleiten muß wie die eines glattläufigen Gewehrs und so beschaffen sein muß, daß sie danach ihre Form verändert, um in die Züge einzudringen.

Um dies zu erreichen, konstruierte er schon 1828 ein gezogenes Gewehr mit einer Kammer in der Schwanzschraube. Das heißt, das äußerste Ende des Laufinneren an der Schwanzschraube, dort, wo das Pulver liegt, erhielt einen beträchtlich kleineren Durchmesser als der übrige Teil des Laufs. Diese Kammer wurde von den Haubitzen und Mörsern übernommen, die schon immer so konstruiert waren. Während sie jedoch in der Artillerie lediglich dazu diente, die für Mörser und Haubitzen bestimmten kleinen Ladungen gut zusammenzuhalten, erfüllte sie in Delvignes Gewehr einen wesentlich anderen Zweck. Nachdem das Pulver in die Kammer geschüttet worden war, wurde die Kugel, die kleiner als das Kaliber war, nachgerollt. Wenn sie dann den Rand der Kammer erreicht hatte, konnte sie nicht weiter und blieb stecken. Einige kräftige Stöße mit dem Ladestock genügten aber, um das weiche Blei der Kugel in die Züge zu pressen und ihren Durchmesser so zu vergrößern, daß sie fest im Lauf saß.

Der größte Nachteil dieses Systems war, daß die Kugel ihre runde Form verlor und etwas abgeflacht wurde. Dadurch neigte sie dazu, ihre durch die Züge bewirkte seitliche Rotation zu verlieren, was die Genauigkeit wesentlich beeinträchtigte. Um dem abzuhelfen, erfand Delvigne das Langgeschoß (zylindrisch), und obwohl die Experimente mit dieser Art von Geschossen in Frankreich zuerst nicht sehr erfolgreich waren, hatten sie sehr gute Ergebnisse in Belgien, Österreich und Sardinien, wo Delvignes Gewehr mit verschiedenen Verbesserungen den Chausseurbataillonen an Stelle der alten Büchse gegeben wurde. Obwohl Delvignes gezogenes Gewehr gegenwärtig fast überall überholt ist, umfassen seine Verbesserungen die zwei wichtigen Prinzipien, von welchen alle folgenden Erfinder ausgehen mußten: erstens, daß bei Vorderladern das Geschoß mit einem gewissen <202> Spielraum gleiten muß, um ein leichtes Laden zu ermöglichen und daß es, um in die Züge zu dringen, fest angesetzt werden und dadurch seine äußere Form verändern muß; zweitens, daß Langgeschoße die einzigen für moderne Gewehre geeigneten Geschosse sind. Delvigne brachte die Frage sofort auf ihre richtige Grundlage und verdient durchaus den Namen: Vater des modernen Gewehres.

Das Langgeschoß bietet gegenüber den Rundkugeln zahlreiche Vorteile, solange ihm die seitliche Rotation (um die Längsachse) erhalten bleibt, was von fast jedem modernen gezogenen Gewehr zufriedenstellend erreicht wird. Das Langgeschoß setzt im Verhältnis zu seinem Gewicht einen viel kleineren Teil dem Widerstand der Atmosphäre aus als die Rundkugel. Seine Spitze kann so geformt sein, daß sie diesen Widerstand auf ein Minimum reduziert. Wie ein Bolzen oder ein Pfeil wird es bis zu einem gewissen Grade von der Luft unter ihm getragen. Infolgedessen verliert es seine Anfangsgeschwindigkeit durch den Luftwiderstand weit weniger und wird dementsprechend eine gegebene Entfernung mit einer viel niedrigeren Flugbahn erreichen (das bedeutet, mit einer Flugbahn, die dem Gegner weit mehr gefährlich ist) als irgenDein rundes Geschoß desselben Durchmessers.

Ein weiterer Vorteil ist, daß das Langgeschoß eine entschieden größere Oberfläche für die Verbindung mit der Wand des Laufs bietet als das Rundgeschoß. Dadurch kann das erstere die Züge weit besser nehmen und ermöglicht daher sowohl eine verkürzte Steigung als auch eine geringere Tiefe der Züge. Beide Umstände erleichtern das Reinigen der Waffe und erlauben zugleich den Gebrauch voller Ladungen, ohne den Rückschlag des Gewehrs zu verstärken.

Und schließlich, da das Gewicht des Langgeschoßes so viel größer ist als das der Rundkugel, ergibt sich, daß das Kaliber, das heißt der Durchmesser der Bohrung des Gewehrs, bedeutend verringert werden kann, und trotzdem ist es noch möglich, ein Geschoß vom gleichen Gewicht wie die alte Rundkugel zu feuern. Wenn man also das Gewicht der alten, glattläufigen Muskete und das seiner Kugel als Normalgewicht annimmt, so kann im Verhältnis zur alten Muskete ein gezogenes Gewehr gleichen Gewichts für Langgeschoße in dem Maße verstärkt werden, wie man das Kaliber verkleinert, und es wird dann immer noch nicht das Gewicht der alten Muskete überschreiten. Da das Gewehr stärker ist, hält es der Ladung um so besser stand; es hat einen geringeren Rückschlag, und demzufolge erlaubt das kleinere Kaliber verhältnismäßig stärkere Ladungen, wodurch eine größere Anfangsgeschwindigkeit und eine entsprechend niedrigere Flugbahn gesichert werden.

<203> Die nächste Verbesserung wurde von einem anderen französischen Offizier, Oberst Thouvenin, gemacht. Er erkannte klar den Nachteil, der dadurch entsteht, daß das Geschoß beim Stauchen in die Züge von einem kreisförmigen Wulst gehalten wird, der den Geschoßrand umgibt. Er entfernte deshalb die Ränder der Kammer, indem er wie früher den ganzen Lauf gleichmäßig mit einem einheitlichen Durchmesser ausbohrte. In der Mitte der Schwanzschraube, die den Lauf verschließt, befestigte er einen kurzen, starken Eisenstift oder Dorn, der in den Lauf hineinragte und um den herum das Pulver fallen sollte. Durch die abgeflachte Spitze dieses Dorns sollte das Geschoß gehalten werden, während der Ladestock es in die Züge stauchte. Die Vorteile dieses Systems waren beträchtlich. Die Dehnung des Geschosses durch die Schläge des Ladestocks war viel regelmäßiger als in Delvignes Gewehr. Die Waffe erlaubte einen größeren Spielraum, was das Laden erleichterte. Die damit erzielten Ergebnisse waren so zufriedenstellend, daß schon vor 1846 die französischen chasseurs à pied <Jäger zu Fuß> mit Thouveninschen Gewehren bewaffnet wurden. Die Zuaven und die andere leichte afrikanische Infanterie folgten, und als sich herausstellte, daß die alten, glattläufigen Musketen mit geringen Kosten in Thouvenin-Gewehre verwandelt werden konnten, wurden alle Karabiner der französischen Fußartillerie entsprechend geändert. Die preußischen Schützen wurden mit dem Thouvenin-Gewehr im Jahre 1847 bewaffnet, die bayrischen 1848, und die meisten kleineren Staaten Norddeutschlands folgten diesem Beispiel. In einigen Fällen rüstete man sogar Teile der Linie mit dieser ausgezeichneten Waffe aus. Bei all diesen Gewehren ist eine gewisse Annäherung an ein einheitliches System, trotz aller Variationen des Kalibers usw., sichtbar. Die Anzahl der Züge ist herabgesetzt (meistens auf 4), und der Drall beträgt gewöhnlich dreiviertel bis eine volle Umdrehung in der ganzen Länge des Laufs.

Das Gewehr Thouvenins hatte jedoch auch seine Nachteile. Die Kraft, die erforderlich war, um mit wiederholten Schlägen das Blei des Geschosses in die Züge zu pressen, war unvereinbar mit der Länge des Laufs, welche das gewöhnliche Gewehr der Linieninfanterie als wirksamer Griff für ein Bajonett immer haben muß. Außerdem war es für die Schützen sehr schwierig, diese Kraft in kriechender oder kniender Haltung aufzubringen. Der Widerstand, den das bis unmittelbar vor das Pulver in die Züge getriebene Geschoß der Explosivkraft entgegensetzt, verstärkt den Rückschlag und beschränkt dadurch das Gewehr auf eine verhältnismäßig kleine <204> Ladung. Schließlich bleibt der Dorn stets eine unangenehme Komplikation der Waffe; er erschwert die Reinigung direkt um ihn herum sehr und neigt zu Defekten.

Das Prinzip, das Geschoß durch die Stöße des Ladestocks zusammenzupressen, zeitigte mit dem System von Delvigne unter den damaligen Umständen sehr zufriedenstellende Ergebnisse und noch bessere mit dem System Thouvenins. Dennoch konnte das gezogene Gewehr seine Überlegenheit gegenüber der alten glattläufigen Muskete als generelle Waffe für die Infanterie nicht geltend machen. Bevor ein für jeden Soldaten geeignetes gezogenes Gewehr hervorgebracht werden konnte, mußte man zu anderen Prinzipien greifen. Darüber werden wir in einer der nächsten Nummern sprechen.

III

Delvigne, dessen gezogenes Gewehr wir im vorangegangenen Artikel beschrieben, fand es ratsam, seine Langgeschoße an der Basis auszuhöhlen, um ihr Gewicht etwa auf das der alten Rundkugel zu reduzieren. Obwohl er sehr bald herausfand, daß dieses Hohlgeschoß nicht vereinbar war mit dem System, das Geschoß durch mechanische Schläge auszudehnen, so genügten seine Experimente, ihm zu beweisen, daß das durch die Entzündung entwickelte Gas in den Hohlraum des Geschosses dringt und die Tendenz hat, die Wände dieses Hohlraums auszudehnen. Dadurch wird erreicht, daß das Geschoß genau in den Lauf paßt und so die Züge nimmt.

Diese Entdeckung griff 1849 der damalige Hauptmann Minié auf. Er beseitigte endgültig den Dorn beziehungsweise die Stütze am Laufboden und gab dem Gewehr die Einfachheit wieder, die es vor Delvigne und Thouvenin besessen hatte. Dabei verließ er sich ausschließlich auf die ausdehnende Wirkung der Entzündung auf den Hohlraum seines Geschosses. Dieses Geschoß war zylindrisch-ogival mit zwei ringförmigen Einschnitten rund um den zylindrischen Teil (1) und vom Boden her konisch ausgehöhlt. Eine tassenförmige, eiserne Kapsel (culot) verschloß den Hohlraum und wurde durch die Kraft der Entzündung in diesen hineingetrieben, wodurch das Blei wirksam ausgedehnt wurde. Das Geschoß hatte genügend Spiel- <205> raum, um den Lauf leicht zu passieren, selbst wenn es von der eingefetteten Papierpatrone umhüllt war.

Hier also haben wir endlich ein nach solchen Grundsätzen entwickeltes gezogenes Gewehr und Geschoß, die es ermöglichen, diese Waffe jedem Fußsoldaten in die Hand zu geben. Die neue Waffe läßt sich ebenso leicht laden wie die glattläufige Muskete und hat eine dem alten gezogenen Gewehr weit überlegene Wirkung, dem es an Genauigkeit gleicht, das es jedoch an Schußweite weit übertrifft. Das Gewehr mit Expansionsgeschoß ist unzweifelhaft unter allen Vorderladern die beste Waffe sowohl für die generelle Verwendung als auch für Scharfschützen, und gerade diesem Umstand verdankt es seinen großen Erfolg, seine Übernahme in so viele Heere und auch die vielen Versuche, die Form des Geschosses oder die Züge des Gewehrs zu verbessern. Das Minié-Geschoß braucht nur wenig schwerer zu sein als die alte Rundkugel desselben Kalibers, da es ausgehöhlt ist. Da das Geschoß lose auf dem Pulver liegt und, während es den Lauf passiert, sich nur allmählich ausdehnt, ist der Rückschlag weit geringer als bei dem alten Gewehr oder auch bei den Delvigne- oder Thouvenin-Gewehren, bei denen das Geschoß fest in den Lauf gepreßt ist und erst durch die volle Kraft der Entzündung ausgelöst wird. Deshalb kann man beim Minié-Gewehr eine relativ starke Ladung verwenden. Die Züge müssen sehr flach sein, was das Reinigen des Laufs erleichtert. Die Länge der Achse für eine volle Umdrehung der Züge muß ziemlich groß sein, wodurch die Anzahl der Geschoßumdrehungen und damit die Luftreibung (welche bei jeder Rotation eintritt) verringert wird und so die Anfangsgeschwindigkeit besser erhalten bleibt. Das hohle Bodenende des Geschosses verlagert ebenfalls dessen Schwerpunkt weiter nach vorn, und alle diese Umstände zusammen ergeben eine verhältnismäßig niedrige Flugbahn.

Die generelle Übernahme des Minié-Gewehrs war jedoch noch einer anderen Ursache zuzuschreiben: daß nämlich durch ein sehr einfaches Verfahren alle alten, glattläufigen Musketen in gezogene Gewehre verändert werden konnten, die für Minié-Geschosse verwendbar waren. Als der Krimkrieg es wünschenswert machte, in Preußen die gesamte Infanterie sofort mit gezogenen Gewehren zu bewaffnen, und die erforderliche Menge an Zündnadelgewehren nicht hergestellt worden war, wurden 300.000 alte Musketen mit Zügen versehen und in weniger als einem Jahr für Minié-Munition brauchbar gemacht.

Die französische Regierung war die erste, die einige Bataillone mit Minié-Gewehren bewaffnete. Die Züge waren jedoch progressiv, das heißt, sie waren bei der Schwanzschraube tiefer als an der Mündung, so daß das <206> Blei, das etwa an der Schwanzschraube in die Züge gekommen war, während seines Vortriebs im Lauf wieder zusammengepreßt wurde durch die flacher werdenden Züge, während zugleich die Expansionskraft der Pulvergase weiter wirkte. Dadurch wurde ein solcher Grad von Reibung hervorgerufen, daß der massive Geschoßteil sehr oft abgerissen und aus dem Lauf geschleudert wurde, während das hohle Bodenende fest in den Zügen blieb. Dieser Mangel und andere Fehler veranlaßten die Regierung, von allen weiteren Bemühungen abzusehen, das Minié-Gewehr einzuführen.

Schon 1851 wurden in England 28.000 solcher Gewehre hergestellt, die den in Frankreich ausprobierten ähnlich waren. Das Geschoß war leicht konisch mit ogivaler Spitze, einem runden, hohlen Kegel und ohne Einschnitte, da man beabsichtigte, die Geschosse zu pressen. Die Ergebnisse waren sehr unbefriedigend - hauptsächlich wegen der Form des Geschosses -, bis im Jahre 1852 neue Experimente gemacht wurden, aus denen schließlich das Enfield-Gewehr und seine Geschosse hervorgingen, auf die wir später zurückkommen werden. Das Enfield-Gewehr ist nur eine Abart des Minié-Gewehrs. Es hat seit 1854 endgültig alle glattläufigen Musketen aus der britischen Armee verdrängt.

In Belgien wurde das Minié-Gewehr mit leichten Änderungen seit 1854 für die Schützen und neuerdings auch für die Linie übernommen.

In Spanien erhielten die Schützen 1853 das Minié-Gewehr, und um die gleiche Zeit wurde auch die Linie damit ausgerüstet.

In Preußen wurde das Minié-Gewehr 1855/56 vorübergehend, wie oben erwähnt, an die Linie ausgegeben. Es ist seitdem vom Zündnadelgewehr völlig verdrängt worden.

In den kleineren deutschen Staaten wurde mit sehr wenigen Ausnahmen ebenfalls das Minié-Gewehr übernommen.

Das in der Schweiz für die Bewaffnung der gesamten Infanterie mit Ausnahme der Scharfschützen bestimmte Prélat-Gewehr ist nur eine Abwandlung des Minié-Gewehrs.

Und in Rußland schließlich ist die Regierung gerade jetzt damit beschäftigt, die alten, glattläufigen Musketen durch Minié-Gewehre eines sehr guten Modells zu ersetzen.

In fast jedem dieser Länder wurden die Anzahl, Tiefe und Steigung der Züge sowie die Form des Geschosses verschiedenen kleineren Abänderungen unterzogen. Die Beschreibung der wichtigsten von ihnen wird der Inhalt unseres nächsten Artikels sein.

IV

<207> Wir rekapitulieren noch einmal das Prinzip des Minié-Gewehrs: Ein gezogenes Gewehr mit flachen Zügen wird mit einem Langgeschoß geladen, welches im Durchmesser gerade so viel kleiner ist als das Kaliber, damit es leicht hinabgleitet. Dieses Geschoß ist vom Boden her ausgehöhlt, das heißt von dem Ende, das auf dem Pulver ruht. Beim Feuern dringt das Gas, das sich durch die Entzündung entwickelt, in diesen Hohlraum und expandiert durch seinen Druck auf die verhältnismäßig dünnen Wände das Blei so, daß es in die Bohrung paßt und in die Züge dringen kann. Das Geschoß muß zwangsläufig der Windung dieser Züge folgen und die für alle Gewehrgeschoße charakteristische seitliche Rotation beibehalten. Das ist das Prinzip, die Grundlage, die all den verschiedenen Gewehren, welche Expansionsgeschoße feuern, gemeinsam ist. In der Ausführung jedoch nahmen verschiedene Erfinder eine Menge Abänderungen vor.

Minié selbst verwendete die Kapsel. Diese Kapsel war ein kleines rundes, tassenförmiges Stück Eisenblech, das in die Mündung des Geschoßhohlraumes gestoßen wurde. Es sollte durch die Pulvergase tiefer in die Aushöhlung getrieben werden und so die Expansion des Geschosses unterstützen und zuverlässig gewährleisten. Bald stellte es sich jedoch heraus, daß diese tassenförmige Kapsel große Nachteile hatte. Sie löste sich beim Verlassen der Mündung sehr oft vom Geschoß und verwundete auf ihrer irregulären Flugbahn die Soldaten, die zu der feuernden Partei gehörten und seitlich etwas weiter vorn standen. Manchmal verdrehte sich die Kapsel, während sie in das Blei getrieben wurde, und verursachte so eine regelwidrige Expansion, wodurch das Geschoß von der Visierlinie abwich. Da es sich erwiesen hatte, daß die Ausdehnung des Geschosses auch ohne Kapsel erreicht werden konnte, wurden Experimente unternommen, um die beste Form eines Expansionsgeschoßes ohne Kapsel festzustellen. Der preußische Hauptmann Neindorff scheint der erste gewesen zu sein, der ein solches Geschoß vorschlug (1852). Der Hohlraum dieses Geschosses ist zylindrisch, aber gegen den Boden hin in der Form eines Trichters erweitert. Dieses Geschoß erzielte in Schußweite und Präzision sehr gute Resultate, aber es stellte sich bald heraus, daß die Kapsel neben der Expansion noch einem anderen Zweck diente. Sie schützte die dünnen Seiten des Hohlgeschoßes davor, während des Transports und bei grober Behandlung eingedrückt zu werden. Neindorffs Geschosse hingegen wurden während des Transports deformiert und erzielten dann sehr schlechte Resultate. Des- <208> halb behielt man in den meisten deutschen Armeen die hohle, eiserne Kapsel bei. Sie bekam jedoch eine lange, spitze, zuckerhutähnliche Form und erfüllte dann hinlänglich die Erwartungen; sie schlug nie um und löste sich kaum jemals vom Bleigeschoß. Das Enfield-Geschoß hat bekanntlich einen festen, hölzernen Dübel.

In einigen Staaten jedoch wurden die Experimente mit Geschossen ohne Kapsel fortgesetzt und solche Geschosse in die Armee übernommen, so in Belgien, Frankreich, in der Schweiz und in Bayern. Das Hauptziel aller dieser Versuche war, dem Hohlraum des Geschosses eine Form zu geben, die es vor dem Zusammendrücken schützt, jedoch seine Expansion möglich macht. Dieser Hohlraum wurde daher wie eine Glocke geformt (Timmerhans in Belgien), wie ein dreiseitiges Prisma (Nessler in Frankreich), mit einer kreuzförmigen Unterteilung (Plönnies in Darmstadt) etc. Aber es scheint fast unmöglich, diese beiden Elemente - Festigkeit und Dehnbarkeit - in irgenDeiner Art von Expansionsgeschoßen ohne Kapsel zu vereinen. Bis jetzt scheint das neue bayrische Geschoß (Major Podewils), das einen sehr flachen zylindrischen Hohlraum mit sehr starkem Seitenrand hat, den Anforderungen am besten zu genügen.

In den Ländern, in denen alte, glattläufige Musketen Züge für Minié-Geschosse erhielten, wurde das große Kaliber der alten Muskete natürlich obligatorisch. Aber dort, wo man völlig neue Gewehre für die Armee eingeführt hatte, wurde das Kaliber aus Gründen, die wir in einem früheren Artikel behandelt haben, beträchtlich verkleinert. Das englische Enfield-Gewehr hat ein Kaliber von 14,68 Millimeter, das süddeutsche Gewehr (das in Württemberg, Bayern, Baden und Hessen-Darmstadt übernommen wurde) 13,9 mm. Nur die Franzosen behielten für die Gewehre ihrer Garde das Kaliber ihrer glattläufigen Musketen (17,80 mm) bei.

Das Enfield-Gewehr ist ein sehr gutes Beispiel für das Expansionssystem. Sein Kaliber ist klein genug, um ein Geschoß von der doppelten Länge des Durchmessers zuzulassen, und doch nicht schwerer als die alte, runde Musketenkugel. Es ist sehr gut gearbeitet und nahezu allen Gewehren, mit denen die Truppen auf dem europäischen Kontinent ausgerüstet sind, überlegen. Das Geschoß hat sehr gute Proportionen. Gegen den hölzernen Dübel wird eingewandt, daß er entweder quellen und dadurch den Durchmesser des Geschosses vergrößern oder schrumpfen und dann herausfallen könnte; doch halten wir diese Einwände für müßig. Wenn das Quellen des Dübels Unannehmlichkeiten mit sich brächte, hätte man das längst herausgefunden, und für den Fall des Schrumpfens verhindert die Form der Patrone das Herausfallen. Die Erfolge, die mit dem Enfield-Gewehr erzielt <209> werden, stellen es auf eine Stufe mit den besten europäischen Expansionsgewehren.

Die Einwände gegen das Enfield-Gewehr als Gewehr mit Expansionsgeschoßen sind folgende: daß das Kaliber noch kleiner sein sollte, wodurch sich bei jeweils gleichbleibendem Gewicht sowohl ein längeres Geschoß als auch ein stärkerer Lauf ergeben würde, daß sich fünf Züge als besser erwiesen haben als drei, daß der Lauf des langen Enfield-Gewehres zumindest an der Mündung zu empfindlich ist, um als Handhabe für ein Bajonett zu dienen, daß das Geschoß eine gewaltige Reibung im Lauf aushalten muß, da es keine ringförmigen Einschnitte hat und dadurch Gefahr läuft, daß der feste Teil abgerissen wird, während der ringförmige hohle Teil fest in den Zügen steckt.

Das Kaliber zu ändern ist eine sehr wichtige Angelegenheit, und es wird sehr schwer sein, ohne eine solche Änderung dem Mündungsende des Laufs mehr Festigkeit zu geben. Das scheint uns der ernsthafteste Einwand zu sein. Alle anderen Einwände dagegen sind unwichtig; die Anzahl der Züge und die Form des Geschosses können zu jeder Zeit ohne Schwierigkeiten geändert werden. Aber auch in seiner jetzigen Beschaffenheit hat sich das Enfield-Gewehr als eine sehr brauchbare Kriegswaffe erwiesen.

Wir haben bisher das Enfield-Gewehr nur mit solchen Gewehren verglichen, die Expansionsgeschoße benutzen. Den Vergleich mit Gewehren, die auf anderen Prinzipien beruhen, müssen wir für eine spätere Gelegenheit aufheben, wenn wir die verschiedenen anderen, jetzt im Gebrauch befindlichen Konstruktionen untersucht haben.

V

Im Jahre 1852 erfanden ein englischer Geschützfabrikant, Herr Wilkinson, und ein österreichischer Artillerieoffizier, Hauptmann Lorenz, gleichzeitig, aber unabhängig voneinander, eine neue Methode, den Durchmesser eines lose passenden Langgeschoßes durch die Kraft der Entzündung so zu vergrößern, daß es fest im Lauf saß und den Zügen folgte. Diese Methode bestand darin, durch die Entzündung das Geschoß der Länge nach zusammenzupressen, anstatt es auszudehnen.

Nehmen wir einen weichen beziehungsweise elastischen Ball, legen ihn auf einen Tisch und lassen ihn durch einen leichten Schlag unserer Hand hochfliegen. Die erste Wirkung des Schlages wird, noch bevor er den Ball bewegt, eine Veränderung der Form des Balles sein. So leicht er auch ist, <210> bietet der Druck des Balles doch genügend Widerstand, um auf der Seite, auf der er den Schlag empfängt, abgeflacht zu werden. Er wird in einer Richtung zusammengepreßt und muß sich dementsprechend nach einer anderen Richtung ausdehnen, genauso wie er sich ausdehnt, wenn wir ihn vollständig plattdrücken. Wie der Schlag auf den elastischen Ball wirkt, muß die Entzündung des Pulvers auf das Kompressionsgeschoß von Lorenz und Wilkinson wirken. Das Gewicht, die vis inertiae <Trägheitskraft> des Geschosses wird zum Mittel, durch ihren Widerstand gegen die Explosivkraft das Geschoß in der Länge zusammenzupressen und es dadurch nach den Seiten zu verstärken. Das den Lauf verlassende Geschoß ist kürzer und dicker als das vorher in den Lauf gebrachte.

Um genügend Widerstand zu bieten, die Voraussetzung, genügend zusammengepreßt zu werden, um den Zügen folgen können, müßte ein Langgeschoß aus massivem Blei sehr schwer sein - mit anderen Worten, sehr lang im Verhältnis zu seiner Dicke. Selbst bei kleinem Kaliber würde ein solches Geschoß für den Krieg zu schwer sein; da die Mannschaft mit Munition überladen wäre, trüge sie die übliche Anzahl Geschosse mit sich. Um dem abzuhelfen, werden zwei sehr tiefe, ringförmige Einschnitte im zylindrischen Teil des Geschosses angebracht. Man nehme ein Enfield-Geschoß, entferne den Dübel, fülle den Hohlraum mit geschmolzenem Blei, und wenn es erkaltet ist, bringe man diese beiden Einschnitte dicht beieinander am stumpfen Ende des zylindrischen Teils des Geschosses an, wobei die drei vorhandenen Teile des Geschosses gleichsam mit einer gemeinsamen Achse aus massivem Blei verbunden bleiben. Das Geschoß wird dann aus zwei sehr flachen, abgestumpften, nach vorn gerichteten Kegeln und aus der schweren, massiven Spitze bestehen, wobei alle Teile fest miteinander verbunden sind. Dieses Geschoß wirkt als Kompressionsgeschoß. Der Widerstand gegen die Entzündung wird durch das schwere Vorderteil, durch die Spitze des Geschosses geleistet. Der Kopf des rückwärtigen Kegels wird durch die Kraft der Pulvergase in die Basis des Kegels davor getrieben, wie dessen Kopf wiederum in das hintere Ende der Spitze. Auf diese Weise nimmt das verkürzte, in seiner Länge zusammengepreßte Geschoß so viel an Umfang zu, daß es fest an allen Seiten des Laufinneren anliegt und die Züge nimmt.

Daraus wird deutlich, daß die massive Spitze der Hauptteil des Kompressionsgeschoßes ist. Je länger und schwerer das Geschoß ist, desto mehr Widerstand leistet es und desto sicherer ist dementsprechend die Kom- <211> pressionswirkung der Entzündung. Solange das Gewehr ein kleines Kaliber hat, besser gesagt, kleiner als das Enfield, wird es möglich sein, Kompressionsgeschoße zu verwenden, die nicht schwerer sind als Expansionsgeschoße. Mit dem Kaliber nimmt jedoch die Oberfläche des Geschoßbodens zu oder mit anderen Worten, die Oberfläche, die der sofortigen Wirkung des Pulvers ausgesetzt ist. Das ist der Grund dafür, daß Kompressionsgeschoße bei großen Kalibern immer zu schwer wären, um überhaupt verwendet werden zu können. Andernfalls würde die Kraft der Entzündung, den Widerstand des Geschosses überwindend, dieses aus dem Lauf schleudern, bevor es richtig zusammengepreßt ist. Deshalb können großkalibrige, glattläufige Musketen zwar in Gewehre für Expansionsgeschoße umgeändert werden, aber niemals für Kompressionsgeschoße.

Bei kleinen Kalibern und flachen Zügen erzielt das Kompressionssystem ausgezeichnete Resultate. Die vordere Lage des Schwerpunktes begünstigt eine flache Flugbahn außerordentlich. Das Kompressionsgeschoß hat alle Vorteile des Expansionssystems, soweit es Leichtigkeit und Schnelligkeit des Ladens und die Geringfügigkeit des Rückschlages betrifft. Die Kugel ist massiv und kann Transport und derbe Behandlung recht gut vertragen. Die Form erlaubt es, das Geschoß zu pressen statt zu gießen. Der einzige Nachteil ist, daß das Kompressionssystem einen sehr geringen Spielraum von nicht mehr als 0,01 Zoll erfordert und eine große Gleichmäßigkeit des Kalibers des Laufs und der Geschosse, da offensichtlich die Kompression die Oberfläche des Geschosses bei weitem nicht so vergrößert wie die Expansion, und daß es deshalb bei einem größeren Spielraum oder bei alten Läufen sehr zweifelhaft ist, ob das Geschoß genügend zusammengepreßt wird, um die Züge zu nehmen. Doch dieser kleine Spielraum ist kein bedeutender Einwand, da viele Gewehre mit Expansionsgeschoßen keinen größeren Spielraum haben (auch das Enfield zum Beispiel hat nur 0,01 Zoll), und heute ist es nicht schwierig, sowohl Läufe als auch Geschosse mit sehr genauen und gleichmäßigen Abmessungen herzustellen.

Die österreichische Armee hat das Kompressionsgeschoß für die ganze Infanterie übernommen. Das Kaliber ist klein, 13,9 mm oder 0,546 Zoll (0,031 weniger als beim Enfield-Gewehr). Der Lauf hat vier sehr flache Züge (eine gerade Zahl der Züge, obwohl für Expansionsgewehre entschieden abzulehnen, hat sich für Kompressionsgewehre als besser erwiesen als eine ungerade Zahl) mit einer Umdrehung auf ~ sechs Fuß sechs Zoll (beinahe dieselbe wie beim Enfield-Gewehr). Das Geschoß wiegt ungefähr 480 Gran (50 Gran weniger als das Enfield), und die Ladung beträgt 1/6 des Geschoßgewichts (beim Enfield-Gewehr ~ 1/8). Diese Waffe bestand <212> ihre Probe im italienischen Feldzug von 1859, und die große Anzahl französischer Soldaten, besonders Offiziere, die sie niederstreckte, bezeugt ihre ausgezeichnete Qualität. Das Gewehr hat eine bedeutend niedrigere Flugbahn als das Enfield-Gewehr, was auf seine verhältnismäßig stärkere Ladung zurückzuführen ist, auf das kleinere Kaliber, das ein längeres Geschoß zuläßt und vielleicht auf die Wirkung der beiden ringförmigen Einschnitte.

Sachsen, Hannover und ein oder zwei kleine deutsche Staaten haben für ihre leichte Infanterie ebenfalls gezogene Gewehre übernommen, aus denen Kompressionsgeschoße gefeuert werden, die nach dem Prinzip von Lorenz konstruiert sind.

In der Schweiz wurde neben dem bereits erwähnten Scharfschützengewehr ein Gewehr desselben Kalibers (10,51 mm oder 0,413 Zoll, 0,164 kleiner als das Enfield-Gewehr) für Kompressionsgeschoße übernommen. Dieses Gewehr wird von den leichten Kompanien der Infanteriebataillone verwendet. Das Geschoß ist ein Lorenz-Modell, und die Ergebnisse dieses Gewehrs in bezug auf niedrigere Flugbahn, Schußweite und Präzision stehen nur hinter dem oben erwähnten Schweizer Scharfschützengewehr zurück, dessen Geschoß, nach alter Art hinuntergestoßen, die niedrigste Flugbahn aller bekannten Gewehre hat. Bei 500 Yard ergibt das Schweizer Kompressionsgeschoß, wenn aus diesem Gewehr geschoßen, einen Gefahrenraum von 130 Yard.(2) Bis jetzt hat zweifellos das Kompressionssystem bessere Resultate ergeben als das Expansionssystem, da es eindeutig die bisher niedrigste Flugbahn erzielt hat. Ebenso kann nicht bezweifelt werden, daß dies nicht dem System selbst zuzuschreiben ist, sondern anderen Ursachen, unter denen das kleine Kaliber die wichtigste ist. Mit einem gleichen kleinen Kaliber muß das Expansionsgeschoß eine ebenso niedrige Flugbahn haben wie sein bisher erfolgreicheres Gegenstück. Das wird sich bald herausstellen. Die Gewehre der vier Staaten Südwestdeutschlands (Bayern usw.) haben das selbe Kaliber, wie die Österreichs, so daß sie für den Notfall österreichische Munition benutzen können <213> und vice versa <umgekehrt>. Doch mit der Übernahme des gleichen Kalibers haben diese Staaten die Expansionsgeschoße übernommen, und die Schußtabellen beider Geschoßklassen werden deshalb eine ziemlich genaue Prüfung ihrer jeweiligen Vorzüge ermöglichen. Wenn, wie wir erwarten, das Expansionsgeschoß dann so gute Resultate ergibt wie sein Gegenstück, so gebührt ihm der Vorrang, weil es erstens unter allen Umständen die Züge sicherer nehmen kann, zweitens, bei demselben Kaliber leichter gemacht werden kann als das Kompressionsgeschoß, und drittens, weil sich die Vergrößerung des Kalibers, die bei allen Gewehrläufen eintritt, wenn sie länger benutzt werden, auf das Expansionsgeschoß weniger auswirkt.

VI

Alle bisher von uns beschriebenen gezogenen Gewehre waren Vorderlader. Es gab jedoch in früheren Zeiten eine große Anzahl verschiedener Feuerwaffen, die von hinten geladen wurden. Hinterlader gingen den Vorderladern bei Geschützen voraus, und die meisten alten Zeughäuser werden Gewehre und Pistolen enthalten, die zweihundert bis dreihundert Jahre alt sind, mit einem beweglichen Verschluß, in den die Ladung eingeführt werden konnte, ohne daß sie mit einem Ladestock durch den Lauf gestoßen wurde. Die große Schwierigkeit war immer, den beweglichen Verschluß so mit dem Lauf zu verbinden, daß er leicht abgenommen und wieder aufgesetzt werden konnte und daß die Art der Befestigung stabil genug war, um der Entzündung standzuhalten. Bei den unzureichenden mechanischen Vorrichtungen jener Zeit war es nicht zu verwundern, daß das eine mit dem anderen nicht verbunden werden konnte. Entweder waren die Teile, die den Verschluß mit dem Lauf verbanden, mangelhaft in Festigkeit und Haltbarkeit, oder der Vorgang des Ab- und Anmontierens vollzog sich schrecklich langsam. Kein Wunder, daß diese Waffen abgeschafft wurden, daß Vorderlader ihre Aufgabe schneller erfüllten und daß der Ladestock uneingeschränkt regierte.

Als in neuerer Zeit Militärs und Gewehrfabrikanten bestrebt waren, eine Feuerwaffe zu konstruieren, die das leichte und schnelle Laden der alten Muskete mit der Schußweite und Präzision der Büchse verbindet, war es nur natürlich, daß das Laden von hinten wieder die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Durch ein geeignetes System der Befestigung des <214> Verschlusses wurden alle Schwierigkeiten überwunden. Das Geschoß, im Durchmesser etwas größer als das Kaliber, konnte dann mit der Ladung zusammen in den hinteren Teil des Laufs eingeführt werden. Vorwärtsgetrieben durch die Entzündung, würde es sich durch die Bohrung zwängen, die Züge mit seinem überschüssigen Blei füllen, die Züge nehmen und jede Möglichkeit eines Spielraums ausschließen. Die einzige Schwierigkeit bestand in der Art der Befestigung des Verschlusses. Aber was im 16. und 17. Jahrhundert unmöglich war, braucht heute nicht als hoffnungslos aufgegeben zu werden.

Wenn diese Schwierigkeiten erst einmal überwunden werden, sind die großen Vorteile des Hinterladers offensichtlich. Die für das Laden erforderliche Zeit ist beträchtlich kürzer. Kein Ziehen, Herumdrehen und Zurückschlagen des Ladestocks ist notwendig. Eine Bewegung öffnet den Verschluß, eine andere bringt die Patrone an ihren Platz, eine dritte schließt den Verschluß wieder. Ein Schnellfeuer der Schützen oder eine schnelle Folge von Salven, die in vielen entscheidenden Situationen so wichtig sind, werden dadurch in einem Maße gesichert, welches kein Vorderlader erreichen kann.

Bei allen Vorderladern ist das Laden erschwert, sobald der Soldat bei Scharmützeln niederkniet oder hinter einem schützenden Objekt liegt. Wenn er hinter seiner Deckung bleibt, kann er sein Gewehr nicht in vertikaler Richtung halten, und ein großer Teil seiner Ladung wird, wenn sie hineingleitet, an den Seiten des Laufs festsitzen. Wenn er sein Gewehr senkrecht nach oben hält, ist er gezwungen, sich zu exponieren. Mit einem Hinterlader kann der Soldat in jeder Stellung laden, ohne überhaupt den Feind aus den Augen zu lassen, da er laden kann, ohne auf sein Gewehr zu sehen. In der Linie kann er während des Vorrückens laden, kann während des Vorrückens Salve auf Salve abschießen und wird trotzdem stets mit einem geladenen Gewehr an den Feind kommen. Das Geschoß kann von einfachster Konstruktion sein, völlig massiv und wird niemals den Zufälligkeiten unterworfen sein, die verursachen, daß sowohl die Kompressions- wie die Expansionsgeschoße die Züge nicht nehmen oder daß sich andere unliebsame Erscheinungen bemerkbar machen. Das Reinigen der Schußwaffe ist außerordentlich erleichtert. Die Kammer oder der Ort, an dem das Pulver und das Geschoßliegen, das heißt jener Teil, der immer am meisten verschmutzt, liegt hier völlig offen, und der Lauf oder das Rohr, ebenfalls an beiden Enden offen, kann leicht kontrolliert und tadellos gereinigt werden. Da die Teile am hinteren Ende des Laufs notwendigerweise sehr schwer sein müssen, da sie sonst der Entzündung nicht standhalten <215> könnten, bringen sie den Schwerpunkt des Gewehrs näher zur Schulter und erleichtern dadurch ein sicheres Zielen.

Wir haben gesehen, daß die einzige Schwierigkeit darin besteht, einen zuverlässigen Verschluß zu finden. Zweifellos wurde diese Schwierigkeit jetzt völlig überwunden. Die Anzahl der während der letzten zwanzig Jahre herausgebrachten Hinterlader ist erstaunlich, und zumindest einige von ihnen erfüllen alle vernünftigen Erwartungen sowohl an Wirksamkeit und Festigkeit des Hinterladermechanismus als auch in der Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der der Verschluß befestigt und gelöst werden kann. Als Kriegswaffen jedoch sind gegenwärtig nur drei verschiedene Systeme im Gebrauch.

Das erste ist die Schußwaffe, die jetzt von der Infanterie in Schweden und Norwegen benutzt wird. Der Hinterladermechanismus scheint genügend handlich und fest zu sein. Die Ladung wird mit einem Zündhütchen entzündet. Hahn und Zündstift liegen beide im unteren Teil der Kammer. Über die Erfahrungen, die mit dieser Schußwaffe gemacht wurden, konnten wir keinerlei Einzelheiten erhalten.

Das zweite ist der Revolver. Der Revolver ist, wie die Büchse, eine sehr alte deutsche Erfindung. Vor Jahrhunderten wurden Faustfeuerwaffen mit mehreren Läufen hergestellt, mit einem sich drehenden Mechanismus, der nach jedem Schuß einen neuen Lauf in eine für die Wirkung des Schlosses auf das Geschoß notwendige Stellung drehte. Oberst Colt in Amerika nahm diese Idee wieder auf. Er trennte die Kammern von den Läufen, so daß ein Lauf für alle sich drehenden Kammern genügte; damit machte er die Waffe zum Hinterlader. Da die meisten unserer Leser schon mit einer dieser Colt-Pistolen zu tun gehabt haben werden, wird es nicht nötig sein, sie zu beschreiben. Außerdem würde die komplizierte Beschaffenheit des Mechanismus jede detaillierte Beschreibung ohne Zeichnungen unmöglich machen. Diese Waffe wird mittels Zündhütchen entzündet, und die runde Kugel, etwas größer als das Kaliber des Laufs, nimmt die Züge, während sie hindurchgepreßt wird. Seitdem die Erfindung Colts populär geworden ist, wurde eine große Anzahl kleiner Trommelwaffen erfunden; aber nur Deane und Adams haben sie wirklich vereinfacht und als Kriegswaffe verbessert. Doch ist die ganze Sache höchst kompliziert und für Kriegszwecke nur bei Faustfeuerwaffen anwendbar. Jedoch mit einigen Verbesserungen wird dieser Revolver für jede Kavallerie sowie für enternde Seeleute eine Notwendigkeit werden. Ebenso ist er für die Artillerie weit geeigneter als jeder Karabiner. Die Wirkung dieses Revolvers ist aus nächster Nähe furchtbar, und nicht nur die amerikanische Kavallerie wurde damit ausgerüstet, <216> sondern auch die britische, amerikanische, französische und russische Kriegsflotte.

Das schwedische Gewehr wie auch der Revolver werden von außen mit gewöhnlichen Perkussionszündern entzündet. Die dritte Art der Hinterlader, das vielbesprochene preußische Zündnadelgewehr, läßt dieses völlig beiseite; die Ladung wird von innen entzündet.

Das Zündnadelgewehr wurde von einem Zivilisten, Herrn Dreyse aus Sömmerda in Preußen, erfunden. Nachdem er zuerst die Methode entwickelt hatte, eine Schußwaffe durch eine plötzlich in die in der Patrone enthaltene Explosivmasse eindringende Nadel abzufeuern, vollendete er seine Erfindung schon 1835, indem er einen Hinterlader konstruierte, der mit diesem nadelzündenden Mechanismus versehen war. Die preußische Regierung kaufte sofort dieses Geheimnis auf und bewahrte es erfolgreich, bis es 1848 publik wurde. Inzwischen entschloß sie sich, im Kriegsfall ihre gesamte Infanterie mit dieser Waffe auszurüsten und fuhr fort, Zündnadelgewehre herzustellen. Zur Zeit sind die gesamte Linieninfanterie und der größere Teil der Landwehr damit bewaffnet, während die gesamte leichte Kavallerie gegenwärtig von hinten zu ladende Zündnadelkarabiner erhält.

Über den Hinterladermechanismus wollen wir nur sagen, daß er von all denen, die bisher vorgeschlagen wurden, der einfachste, handlichste und dauerhafteste zu sein scheint. Nach jahrelangen Versuchen kann jetzt gesagt werden, daß der einzige feststellbare Mangel darin besteht, nicht ganz so viel Munition auszuhalten wie die befestigte Schwanzschraube des Vorderladers. Aber das ist ein Mangel, der bei Hinterladern unvermeidlich zu sein scheint, und die Notwendigkeit, einige Teile des Verschlusses etwas früher als bei den alten Gewehren zu erneuern, kann in keiner Weise den großen Vorzügen dieser Waffe Abbruch tun.

Die Patrone enthält Kugel, Pulver sowie die Explosivmischung und wird ungeöffnet in die Kammer gebracht, die etwas größer ist als der gezogene Lauf. Eine einfache Handbewegung schließt den Verschluß und spannt zugleich die Schußwaffe. Es gibt jedoch keinen Hahn an der Außenseite. Hinter der Ladung, in einem hohlen, eisernen Zylinder, liegt eine starke, spitze Stahlnadel, die durch eine Spiralfeder in Bewegung gesetzt wird. Das Spannen der Waffe besteht lediglich darin, diese Feder zurückzuziehen, zusammenzupressen und festzuhalten. Wenn am Abzug gezogen wird, setzt er diese Feder frei, die sofort vorwärtsschnellt, auf die Patrone aufschlägt und augenblicklich die Explosivmischung entzündet; dadurch wird die Ladung abgefeuert. So besteht das Laden und feuern mit dieser Waffe nur aus fünf Bewegungen: Verschluß öffnen, Patrone hineinstecken, Verschluß <217> schließen, die Waffe in Anschlag bringen und Feuern. Kein Wunder, daß mit einer solchen Waffe fünf wohlgezielte Schüsse in einer Minute abgegeben werden können.

Die zuerst für die Zündnadelgewehre verwandten Geschosse hatten eine sehr ungünstige Form und ergaben demzufolge eine sehr Höhe Flugbahn. Dieser Mangel wurde vor kurzer Zeit mit gutem Erfolg behoben. Das Geschoß ist jetzt viel länger und hat die Form einer Eichel, von der der Becher entfernt wurde. Es ist von einem beträchtlich kleineren Durchmesser als der Lauf. Sein hinterer Teil ist in eine Art Becher aus einem weichen Material eingebettet, um ihm die erforderliche Stärke zu geben. Dieser Becher haftet an der Kugel, während sie im Lauf ist, dringt in die Züge ein und gibt dadurch dem Geschoß die seitliche Rotation, wobei sie zugleich die Reibung im Lauf beträchtlich verringert und doch jeden Spielraum beseitigt. Die Schußwaffe wurde dadurch so weit verbessert, daß das selbe Visier, welches früher für 600 Schritt (500 Yard) diente, jetzt für 900 Schritt (750 Yard) verwandt werden kann, wodurch die Flugbahn entschieden flacher wird.

Es ist weit von der Wahrheit entfernt, zu behaupten, das Zündnadelgewehr habe eine sehr komplizierte Konstruktion. Der Hinterladermechanismus und das Nadelschloß bestehen nicht nur aus viel weniger Teilen, sondern diese sind auch viel stärker als diejenigen, aus denen sich ein gewöhnliches Perkussionsschloß zusammensetzt, welches jedoch niemand als zu kompliziert für Kriegszwecke oder für grobe Behandlungsweise betrachten würde. Während überdies das Auseinandernehmen eines gewöhnlichen Perkussionsschlosses eine Angelegenheit ist, die beträchtliche Zeit und alle möglichen Instrumente erfordert, kann ein Nadelschloß in einer unglaublich kurzen Zeit auseinandergenommen und zusammengesetzt werden und mit keinem anderen Instrument als den zehn Fingern des Soldaten. Das einzige Stück, das leicht bricht, ist die Nadel selbst. Aber jeder Soldat führt eine Reservenadel mit sich, die er sofort in das Schloß einsetzen kann, ohne es auseinandernehmen zu müssen, selbst während eines Kampfes. Uns ist auch bekannt, daß Herr Dreyse das Brechen der Nadel durch eine Verbesserung im Schloß nahezu unmöglich gemacht hat, eine Verbesserung, welche die Nadel in ihre geschützte Ruhelage zurückgehen läßt, sobald sie ihren Zweck erfüllt hat, die Ladung zu entzünden.

Die Flugbahn des derzeitigen preußischen Zündnadelgewehres wird ungefähr dieselbe sein wie die des Enfield-Gewehrs; sein Kaliber ist ein wenig größer als das des Enfield-Gewehrs. Bei einer Reduzierung des Kalibers auf das des österreichischen, oder noch besser, auf das des Schweizer <218> Scharfschützengewehrs, wird es ohne Zweifel jeder dieser Waffen an Schußweite, Präzision und flacher Flugbahn gleichkommen, während ihm seine anderen enormen Vorteile bleiben. Der Hinterladermechanismus könnte sogar viel stärker werden als er jetzt ist, und der Schwerpunkt der Schußwaffe würde noch näher an die Schulter des zielenden Soldaten kommen.

Die Einführung einer Waffe in eine Armee mit einer derartigen Schnelligkeit des Feuerns wird zwangsläufig viele Spekulationen darüber hervorrufen, welche Veränderungen es in der Taktik mit sich bringen wird, besonders unter Leuten, die so gern spekulieren, wie die Norddeutschen. Es gibt kein Ende der Kontroversen über die vermeintliche Revolution in der Taktik, die das Zündnadelgewehr hervorrufen sollte. Die Mehrheit der militärischen Öffentlichkeit in Preußen kam schließlich zu dem Resultat, daß gegen ein Bataillon, welches in schneller Folge Salven aus Zündnadelgewehren feuert, kein Angriff unternommen werden könne, und daß es demzufolge mit dem Bajonett vorbei sei. Wenn diese lächerliche Vorstellung vorherrschend geblieben wäre, so hätte das Zündnadelgewehr den Preußen manch eine schwere Niederlage gebracht. Zum Glück zeigte der italienische Krieg allen, die sehen konnten, daß das Feuer moderner Waffen für ein Bataillon, das mit Kampfgeist angreift, nicht unbedingt so sehr gefährlich ist, und Prinz Friedrich Karl von Preußen hat die Gelegenheit wahrgenommen, seine Gefährten daran zu erinnern, daß die passive Verteidigung, sei man auch noch so gut bewaffnet, immer einer Niederlage sicher ist. Die Richtung der militärischen Meinungen hat sich gewendet. Man beginnt wieder zu erkennen, daß Menschen und nicht Gewehre die Schlachten gewinnen müssen, und wenn diese neue Waffe wirklich eine Änderung in der Taktik hervorrufen wird, so wird es (wo es das Gelände erlaubt) die Rückkehr zu einer verstärkten Anwendung der entfalteten Linie sein und selbst zum Angriff in Linie, der, obwohl Friedrich der Große mit ihm die meisten Schlachten gewonnen hatte, in der preußischen Infanterie fast in Vergessenheit geraten ist.

VII

Nachdem wir die verschiedenen Systeme Revue passieren ließen, auf deren Grundlage die verschiedenen jetzt in den europäischen Armeen verwendeten Gewehre konstruiert sind, können wir unseren Gegenstand nicht verlassen, ohne ein paar Worte über ein Gewehr zu sagen, das, obwohl in <219> keinem Heer eingeführt, sich wegen seiner erstaunlichen Präzision bei großen Schußweiten einer wohlverdienten Beliebtheit erfreut. Wir meinen natürlich das Whitworth-Gewehr.

Wenn wir uns nicht irren, kann Herr Whitworth Anspruch erheben, zwei Prinzipien in der Konstruktion seiner Feuerwaffe erfunden zu haben: die sechseckige Bohrung und das mechanische Einpassen des Geschosses in die Bohrung. Diese hat statt eines runden ein durchgehend sechseckiges Profil und eine sehr starke Steigung oder Schraubenwindung, wie es die Oberfläche des sechseckigen Geschosses zeigt. Das aus einem harten Metall bestehende Geschoß füllt das Laufinnere sehr gut aus und verändert durch die Entzündung seine Form nicht, da es wegen seiner sechs Ecken der Windung der Züge mit unbeirrbarer Sicherheit folgt. Um Spielraum zu vermeiden und um das Laufinnere zu schmieren, wird ein Kuchen oder eine Scheibe aus einer Fettmasse zwischen Pulver und Ladung gebracht. Das Fett schmilzt durch die Hitze der Entzündung und läuft hinter dem Geschoß in Richtung auf die Mündung.

Aber trotz der unbestritten ausgezeichneten Ergebnisse, die Herr Whitworth mit seinem Gewehr erzielt hat, glauben wir doch, daß dieses Prinzip sowohl dem Expansionsprinzip als auch dem Kompressionsprinzip und dem des Hinterladers mit einem Geschoß, dessen Durchmesser größer ist als das Kaliber, unterlegen ist. Das heißt, wir glauben, daß sowohl ein Gewehr für Expansions- als auch eins für Kompressionsgeschoße oder eins, das nach dem System des preußischen Zündnadelgewehrs konstruiert ist, einem Whitworth-Gewehr überlegen sein würde, wären die Bearbeitung gleich gut, das Kaliber gleich klein und alle anderen Umstände gleichartig. Herrn Whitworths auf mechanische Weise erzielter Paßsitz, so schön er auch immer sein mag, kann nicht so dicht sein, wie er durch die Veränderung der Geschoßform während und nach der Entzündung erreicht wird. In seinen Gewehren mit harten Geschossen sind immer das, was man bei einem Gewehr unbedingt vermeiden muß, nämlich Spielraum und infolgedessen entweichende Gase. Selbst das schmelzende Fett kann dem nicht völlig abhelfen, insbesondere bei einem Gewehr, dessen Kaliber durch langen Gebrauch etwas größer geworden ist. Es gibt in einem solchen Fall eine sehr bestimmte Grenze für jeden auf mechanische Weise erzielten Paßsitz, und zwar: Der Paßsitz muß lose genug sein, um die Kugel, selbst nach ein paar Dutzend Schüssen, leicht und schnell passieren zu lassen. Die Folge ist, daß diese sechseckigen Geschosse nur lose passen, und obwohl wir nicht genau die Größe des Spielraums kennen, so ist es auf Grund der Tatsache, daß sie ohne Fett und mit einem Stück <220> Papier umwickelt, ganz leicht hinunterfallen, wahrscheinlich, daß der Spielraum nicht viel geringer ist (wenn überhaupt geringer) als der des Enfield-Geschosses, der den hundertsten Teil eines Zolls beträgt. Herr Whltworth scheint sich bei der Erfindung seines Gewehrs hauptsächlich von zwei Grundgedanken haben leiten lassen: erstens, jede Möglichkeit zu beseitigen, daß die Züge verbleien, und zweitens, all die Zufälligkeiten zu beseitigen, die ein zylindrisches Geschoß daran hindern können, die Züge zu nehmen da sie entweder eine Expansion oder eine Kompression verhindern -, indem er von vornherein Bohrung und Geschoß zueinander passend macht. Ein Verstopfen der Züge durch die von der Kugel absplitternden Bleiteile kann bei allen Gewehren mit weichen Bleigeschoßen eintreten. Die Zufälligkeiten, die eine Kugel daran hindern, die Züge richtig zu nehmen, können sowohl bei Kompressions- wie auch bei Expansionsgewehren eintreten, aber nicht bei Hinterladern nach dem preußischen Prinzip. Keine dieser Unzulänglichkeiten ist jedoch so groß, daß sie nicht überwunden werden könnte und daß, um sie zu vermeiden, das wichtigste Prinzip der Büchsenherstellung geopfert werden sollte, nämlich, daß die Kugel die Züge nimmt, ohne einen Spielraum zu lassen.

Bei dieser Feststellung stützen wir uns auf eine ausgezeichnete Autorität, nämlich auf Herrn Whitworth selbst. Wir wissen, daß Herr Whitworth sein Prinzip des auf mechanische Weise erzielten Paßsitzes, soweit es sein Gewehr betrifft, fallenließ, und es ist sicher, daß zur Zeit die meisten Menschen nicht ein hartes, festes, sechseckiges Geschoß aus seinem Gewehr feuern, sondern ein weiches, zylindrisches Bleigeschoß. Dieses Geschoß ist an seinem Boden, ähnlich dem Enfield-Geschoß, ausgehöhlt, aber es hat keinen Dübel. Es ist sehr lang (das eine mit einem Gewicht von 480 Gran ist dreimal so lang wie sein Durchmesser, das andere mit 530 Gran 31/2mal so lang wie sein Durchmesser), und es nimmt die Züge durch die Wirkung der Entzündung. Hier also wird das Prinzip des Herrn Whitworth, des auf mechanische Weise erzielten Paßsitzes, vollkommen aufgegeben zugunsten des Prinzips der Expansion, und das Whitworth-Gewehr wird in eine untergeordnete Art der Gattung Minié umgewandelt, ganz so, wie es beim Enfield-Gewehr der Fall gewesen ist. Bleibt noch die sechseckige Bohrung und wie weit sie für ein Expansionsgewehr taugt.

Die sechseckige Bohrung hat natürlich sechs Züge, und wir haben gesehen, daß eine gerade Zahl von Zügen sich für Expansionsgeschoße als nicht so gut erwiesen hat wie eine ungerade, da es nicht wünschenswert ist, daß zwei Züge einander diametral gegenüberliegen. Nun sind die Züge in den meisten Expansionsgewehren sehr flach, im Enfield-Gewehr zum Bei- <221> spiel kaum sichtbar. In dem Sechseck beträgt der Unterschied zwischen dem Durchmesser des inneren Kreises (ungefähr dem Kaliber entsprechend) und dem des äußeren Kreises (durch die sechs Ecken gezogen) ungefähr zwei Dreizehntel oder etwas weniger als den sechsten Teil des erstgenannten Durchmessers; oder mit anderen Worten, das Blei muß sich beinahe um 1/6 seines Durchmessers ausdehnen, bevor es sich richtig an die Ecken der sechseckigen Bohrung anschmiegen kann. Daraus würde sich ergeben, daß die sechseckige Bohrung, obwohl überaus geeignet für das System des mechanischen Passens, für das Expansionsgeschoß am wenigsten brauchbar ist.

Es bewährt sich jedoch, wie die Ergebnisse beinahe jedes Wettschießens zeigen. Wie ist das möglich, wenn Herr Whitworth den Kernpunkt seines Prinzips aufgegeben hat und jetzt ein Prinzip anwendet, für das sein Gewehr nicht eingerichtet ist?

Vor allem ist da die ausgezeichnete Bearbeitung zu erwähnen. Es ist bekannt, daß Herr Whitworth in bezug auf Genauigkeit in den minutiösesten und selbst mikrometrischen Details unerreicht ist. Wie seine Maschinenbauwerkzeuge, so sind auch seine Gewehre vollkommene Muster in der Ausführung ihrer Details. Man sehe sich die Mündung seiner Gewehre an und die irgenDeiner anderen Ausführung! Es ist gar kein Vergleich möglich, und für Gewehre, die bis 1.000 Yard Schußweite feuern, ist das ein gewaltiger Vorteil.

Zweitens und hauptsächlich: Das Kaliber des Whitworth-Gewehrs beträgt 0,451 Zoll kleinsten Durchmessers (was wir den inneren Kreis genannt haben). Das Enfield-Gewehr hat 0,577, das Schweizer Scharfschützengewehr, von uns mehrmals als dasjenige mit der bekanntlich niedrigsten Flugbahn erwähnt, 0,413 Zoll. Jetzt betrachte man den Unterschied in der Form des Geschosses. Das Whitworth-Expansionsgeschoß von 530 Gran ist um 3/8 Zoll länger als das Enfield-Geschoß desselben Gewichts, wobei das erste ungefähr 31/2mal so lang wie sein eigener Durchmesser, das letztere kaum doppelt so lang wie sein Durchmesser ist. Es ist offensichtlich, daß ein Geschoß desselben Gewichts und mit derselben Ladung die Luft besser durchdringen kann, das heißt eine niedrigere Flugbahn haben wird, wenn es dünn und lang ist, als wenn es kurz und dick ist. Darum hat die Ladung des Enfield-Gewehrs 68 Gran Pulver; für das Whitworth-Gewehr werden Ladungen von 60, 70 und 80 Gran Pulver verwendet. Aber wir haben von guten Schützen, die dieses Gewehr ständig benutzen, gehört, daß 80 Gran erforderlich sind, damit das Geschoß sich gut ausdehnt und gute Ergebnisse bei großen Schußweiten erzielt. So <222> haben wir für das Whitworth-Gewehr eine Ladung, die ein ganzes Sechstel stärker ist als die für das Enfield-Gewehr, und diese Ladung sollte besser wirken (selbst bei gleichem Gewicht), da sie sich in einem begrenzteren Raum entzündet und auf eine viel kleinere Fläche des Geschosses wirkt.

Hier also haben wir ein weiteres Beispiel für den gewaltigen Vorteil des kleinen Kalibers, das ein langes, dünnes, bolzenförmiges Geschoß mit sich bringt. Wer von meinen Lesern den Untersuchungen über die Vorzüge der verschiedenen gezogenen Gewehre aufmerksam gefolgt ist, wird längst zu der Schlußfolgerung gekommen sein, daß die Form des Geschosses weit wichtiger ist als das System, nach dem das Geschoß oder das Gewehr konstruiert sind, und daß man, um zu einer von den Soldaten am besten zu transportierenden Form des Geschosses zu kommen, ein kleines Kaliber haben muß. Das ist eine Lehre, die uns das Whitworth-Gewehr erneut erteilt.

Wir können auch daraus lernen, daß bei einem kleinen Kaliber die lange, schwere Spitze des Geschosses genug Widerstand bietet, damit sich das hohle Schwanzende mit Sicherheit und ohne Hilfe einer Kapsel ausdehnen kann. Das Whitworth-Geschoß hat nur eine kleine Höhlung an seinem Boden und keine Kapsel; es muß sich mindestens dreimal so weit ausdehnen wie jedes andere Expansionsgeschoß, und doch nimmt es die Züge mit 80 Gran Pulver (die das Gewehr ohne großen Rückstoß verträgt) ganz zufriedenstellend.

Wir zweifeln sehr daran, daß das Gewehr des Herrn Whitworth jemals eine Kriegswaffe werden wird; wir glauben vielmehr, daß die sechseckige Bohrung bald ganz verschwindet. Wenn Freiwillige, die praktisch von der überlegenen Schußfertigkeit des Whitworth-Gewehrs im Vergleich zu dem heutigen Enfield-Gewehr überzeugt sind, vorgeschlagen haben, sie mit der ersteren zu bewaffnen, so sind sie sicherlich entschieden zu weit gegangen. Wir halten es für äußerst unstatthaft, die beiden Waffenarten miteinander zu vergleichen. Das Whitworth-Gewehr ist eine Luxuswaffe, dessen Herstellung wenigstens doppelt so viel kostet wie die des Enfield-Gewehrs. In seinem jetzigen Zustand ist es eine zu empfindliche Waffe, um sie jedem Soldaten in die Hand zu geben. Wenn wir aber zum Beispiel das empfindliche Korn an der Mündung durch eines für grobe Behandlung ersetzen würden, so würde die Genauigkeit bei großen Schußweiten beträchtlich vermindert werden. Um sowohl Armee als auch Freiwillige mit dem Whitworth-Gewehr zu bewaffnen, müßte eins von beiden getan werden: Entweder müßte das Kaliber der regulären Handfeuerwaffen so bleiben, wie es jetzt ist, und dann würde ein Whitworth-Gewehr mit dem Kaliber des jetzigen Enfield-Gewehrs weit schlechtere Ergebnisse haben als das jetzige <223> Whitworth-Gewehr, oder das Kaliber müßte verkleinert werden, sagen wir, auf das des jetzigen Whitworth-Gewehrs. Dann ist es wahrscheinlich, daß ein Enfield-Gewehr mit diesem kleineren Kaliber, gäbe man für dessen Herstellung so viel aus wie für ein Whitworth-Gewehr, ebenso gute oder sogar bessere Resultate erzielen würde.

VIII

Wir schließen mit einer kurzen Wiederholung der verschiedenen zur Zeit benutzten Gewehrsysteme und der Prinzipien, die wir als für diese Waffe feststehend betrachten können.

Die verschiedenen Gewehrsysteme sind folgende:

1. Das System des gewaltsamen Ladens: Das festanliegende Geschoß und das Pflaster werden durch kräftige Schläge des Ladestocks hinuntergestoßen. Das ist die älteste Art zu erreichen, daß ein Geschoß die Züge nimmt. Es ist jetzt für Kriegswaffen fast überall aufgegeben worden. Die wichtigste und bemerkenswerteste Ausnahme bildet das neue Schweizer Scharfschützengewehr, das ein sehr kleines Kaliber und ein langes, bolzenförmiges Geschoß hat und das von allen jetzt benutzten Gewehren die niedrigste Flugbahn erreicht. Es ist nicht als Waffe für die Masse der Infanterie vorgesehen, sondern nur für ausgewählte Einheiten und erfordert ein sorgfältiges Laden, um die äußerst günstigen Ergebnisse zu erzielen, welches es vor allen anderen uns heute bekannten Gewehren auszeichnet.

2. Das System, das lose passende Geschoß gegen ein Hindernis am Boden des Verschlusses abzustumpfen (entweder den Rand einer enger werdenden Kammer - Delvigne -, oder einen Dorn, der in der Mitte der Kammer angebracht ist - Thouvenin -) und es dadurch in die Züge zu treiben. Dieses eine Zeitlang allgemein bevorzugte Verfahren wird jetzt mehr oder weniger von den folgenden Systemen verdrängt. Man beachte dabei zugleich, daß dieses System ein ziemlich großes Kaliber erfordert, da die Kammer sonst zu eng wird.

3. Das Expansionssystem: Das lose passende, lange Geschoß ist vom Boden her ausgehöhlt; das durch die Entzündung erzeugte Gas dringt in die Höhlung und bläht es sozusagen in genügendem Maße auf, damit die Kugel in die Bohrung paßt und die Züge nimmt. Dieses System wird jetzt allgemein bevorzugt und kann noch sehr verbessert werden. Das zeigen die kürzlichen ausgezeichneten Ergebnisse, die Herr Whitworth mit seinem Gewehr erzielte, seit er das Prinzip der Expansion übernommen hat.

<224> 4. Das System der Kompression, wobei das selbe Resultat durch tiefe, runde Einschnitte erzielt wird, die an den Geschossen angebracht sind. Die Kraft der Entzündung bewirkt, daß das Geschoß, welches durch sein schweres Vorderteil Widerstand leistet, längs zusammengepreßt wird und dadurch die erforderliche Vergrößerung seines Durchmessers erhält. Diese Art, obgleich offensichtlich weniger sicher als das Expansionsprinzip, hat bei kleinen Kalibern ausgezeichnete Ergebnisse gehabt, wie in Österreich und der Schweiz bewiesen wurde. Jedoch zeitigt das Kompressionsgeschoß, das aus dem oben erwähnten Schweizer Scharfschützengewehr abgefeuert wird, nicht ganz so gute Ergebnisse wie das festanliegende Pflastergeschoß aus derselben Waffe.

5. Das Hinterladersystem: Es hat gegenüber allen anderen Gewehrsystemen besondere Vorteile in der Art des Ladens und des Feuerns. Zugleich bietet es die größte Sicherheit, daß das Geschoß die Züge nimmt, da Kammer und Geschoß etwas größer als der andere Teil der Bohrung sein können, und damit kann das Geschoß nicht zur Mündung gelangen, ohne in die Züge gepreßt zu werden. Dieses System scheint wirklich dazu bestimmt zu sein, alle anderen Systeme allmählich zu verdrängen.

Wir rechnen Herrn Whitworth' System des mechanischen Passens nicht dazu, da es, wenigstens in bezug auf Handfeuerwaffen, aufgegeben wurde - und nur mit diesen haben wir es jetzt zu tun.

Wenn die verschiedenen Systeme nach ihren wirklichen Vorzügen eingeschätzt werden, dann müssen wir das Zündnadelgewehr am höchsten bewerten, als nächstes das Expansionssystem, dann das Kompressionssystem. Die beiden ersten Systeme können als überholt gelten. Denn wenn auch in der Schweiz bis jetzt das gewaltsame Laden bessere Resultate ergeben hat als das Kompressionsgewehr desselben Kalibers, so sollten wir doch ohne eine sehr gründliche Untersuchung diese Ergebnisse keineswegs dem System zurechnen. Abgesehen davon steht fest, daß das Schweizer Scharfschützen-Pflastergeschoß für die Masse der Infanterie nicht geeignet ist.

Wir haben zugleich gesehen, daß es seit der Einführung des langen Geschosses zur Erreichung einer großen Schußweite, einer niedrigen Flugbahn und Genauigkeit des Fluges nur von sekundärer Bedeutung ist, nach welchem System das Gewehr oder das Geschoß konstruiert sind. Solange die Geschosse rund waren, war das System der Züge von größerer Bedeutung, da alle Geschosse unter beinahe gleichen Bedingungen auf den Luftwiderstand stießen, und der EinFluß einer größeren Steigung der Züge, tieferer oder vermehrter Züge etc. war verhältnismäßig viel bedeutender <225> als jetzt. Aber mit dem langen Geschoß erscheint ein neues Element auf der Bildfläche. Das Geschoß kann innerhalb ziemlich weiter Grenzen länger oder kürzer sein, und dabei entsteht die Frage, welche Geschoßform am vorteilhaftesten sei. Theoretisch ist es klar, daß dieselbe Menge Blei, mit derselben Anfangsgeschwindigkeit abgefeuert, diese Geschwindigkeit mit einer langen und dünnen Form eher behalten wird als mit einer kurzen und dicken; immer vorausgesetzt, daß die seitliche Rotation, die ein Gewehr dem Geschoß gibt, beibehalten wird, um ein Überschlagen zu verhindern. Der Luftwiderstand ist die verzögernde Kraft; sie vermindert allmählich die ursprüngliche Geschwindigkeit, die das Geschoß durch das Pulver erhalten hat und gibt damit der immer steigenden Schwerkraft sozusagen einen größeren EinFluß auf das Geschoß. Die Anfangsgeschwindigkeit hängt von der Ladung ab und bis zu einem gewissen Grade von der Konstruktion der Waffe; wir können sie deshalb als feststehend ansehen. Die Schwerkraft steht auch fest und hat eine bestimmte Größe; so bleibt nur noch die Geschoßform variabel, damit das Geschoß die Luft mit dem geringsten Widerstand durchstoßen kann. Um den Luftwiderstand zu verringern, eignet sich, wie gesagt, ein langes und dünnes Geschoß weit besser als ein kurzes und dickes desselben Gewichts.

Das Höchstgewicht eines Geschosses für militärische Zwecke hat nun auch eine bestimmte Größe. Ein Soldat muß in der Lage sein, außer seinen Waffen und seiner Ausrüstung, wenigstens 60 Geschosse zu tragen. Um das bestgeformte Geschoß herzustellen, muß es bei dem gegebenen Bleigewicht (sagen wir 530 Gran) verlängert und die Stärke herabgesetzt werden. Mit anderen Worten: Das Kaliber des gezogenen Gewehrs muß verkleinert werden. Bis zu einem gewissen Grade wird das ausnahmslos möglich sein. Man beachte die 530 Gran im Enfield- und das selbe Gewicht im Whitworth-Geschoß. Ein einziger Blick erklärt, warum das letztere eine so viel niedrigere Flugbahn hat (das heißt, seine Anfangsgeschwindigkeit um vieles besser behält) und deshalb mit Leichtigkeit ein Ziel auf 1.000 Yard Entfernung treffen wird, während bei dieser Entfernung auf das Enfieldgeschoß kein Verlaß ist. Und doch sind beides Expansionsgeschoße, wobei die allgemeine Konstruktion des Whitworth-Gewehrs für das Expansionsgeschoß gewiß nicht am besten geeignet ist. Man betrachte das Schweizer Scharfschützengewehr, das mit einem noch kleineren Kaliber als das des Whitworth-Gewehrs noch bessere Resultate erzielt und eine noch niedrigere Flugbahn einhält, ob das Geschoß nun mit einem Pflaster hinuntergestoßen oder lose eingeführt und durch die Entzündung zusammengepreßt wird. Oder man nehme das preußische Zündnadelgewehr. Durch Ver- <226> ringerung des Durchmessers und Verlängerung des Geschosses, wobei es durch einen Knopf oder Pflock dann in die weite Bohrung geführt wird, fliegt nun das Geschoß bei demselben Visier, das früher 600 Yard Schußweite anzeigte, 900 Yard. Wir werden deshalb ziemlich sicher gehen, es als feststehende Tatsache zu betrachten, daß die Leistungsfähigkeit der Gewehre, unabhängig davon, nach welchem System sie konstruiert sind, im allgemeinen im umgekehrten Verhältnis zum Durchmesser ihrer Bohrung steht. Je kleiner das Kaliber, desto besser das Gewehr und umgekehrt.

Mit diesen Bemerkungen verlassen wir einen Gegenstand, der vielen unserer Leser ziemlich trocken vorgekommen sein mag. Er ist jedoch von sehr großer Bedeutung. Kein intelligenter Soldat sollte in Unkenntnis über die Prinzipien sein, nach denen seine Waffe gebaut ist oder wirken soll. Was wir hier darzulegen versuchen, ist das, was die Unteroffiziere der meisten kontinentalen Armeen wissen müssen, und ganz gewiß sollte die Mehrheit der Freiwilligen, die "Intelligenz des Landes", in der Kenntnis ihrer Feuerwaffen ebenso weit sein wie diese!


Fußnoten von Friedrich Engels

(1) Diese Vertiefungen (cannelures) waren von Tamisier, einem anderen französischen Offizier, erfunden worden. Neben der Verringerung des Geschoßgewichts und der Reibung im Lauf befähigten sie das Geschoß, ähnlich den Federn eines Pfeils in der Luft, das Gleichgewicht zu halten und damit die Flugbahn zu strecken. <=

(2) Unter Gefahrenraum wird hier der Teil des Fluges eines Geschosses verstanden, der nicht höher liegt als die Größe eines Mannes, sagen wir 6 Fuß; d.h., in diesem Falle trifft ein Geschoß, das auf den Boden eines Zieles, 6 Fuß hoch und 500 Yard Entfernung gerichtet ist, jedes Objekt, das 6 Fuß hoch ist und irgendwo zwischen 370 und 500 Yard vom Schützen in der Visierlinie steht. Mit anderen Worten, bei dem auf 500 Yard eingestellten Visier kann ein Fehler von 130 Yard in der Berechnung der Entfernung des Objekts gemacht werden, und doch wird das Objekt getroffen, wenn die Visierlinie richtig genommen wurde.

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