"Erst Wettkampf, dann Urlaub. Betrieb ruht bis August

Der überaschungsfuchs

Sehr geehrter Herr Möller,

eigentlich ich hatte den Entschluß gefaßt, keine Geschichten mehr zu veröffentlichen. Heute Abend bin ich eines besseren beraten worden, denn mittlerweile gibt es viele Leser, auch Nichtjäger, ja sogar bislang Jagdablehner, die meine Berichte sehr interessiert lesen und sogar vor den „roten” Bildern nicht zurückschrecken.

Also bitte ich Sie sich die Mühe zu machen die beigefügte Datei auf Ihrem Netzplatz zu veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen, Wolfgang Gerhards, Donnerstag, 24. August 2006 18:54

Der überaschungs-Fuchs

Am 23. August '06 verlies ich das Haus nicht mehr so früh wie die Tage zuvor, denn der Sonnenaufgang war für 6:12 Uhr berechnet. Also nahm ich mir etwas mehr Zeit als sonst. Noch während der Fahrt ins Revier um 04:20 überlegte ich, was ich an Ausrüstung mit auf die Ansitzleiter am Maisacker mitnehmen müßte, denn der Rucksack sollte diesmal im Fahrzeug bleiben. Neben meiner Marlin 336, die ich mit 6 Patronen .30“-30 Waldmann aufmunitioniert hatte, nahm ich mein Steiner 8*56, einen Sitzfilz, meinen Jagdhut, die Digitalkamera und eine kleine Taschenlampe mit.

Es war sternenklar, die Luft war nicht übermäßig kalt und es war gerade hell genug, um den Bewuchs in der Mitte des Schotterfeldwegs zu erkennen. Nur dort wollte ich gehen, um jedweden Lärm zu vermeiden. Ich nahm mir Zeit beim Angehen, 5 Schritte gehen und 5 „Schritte“ stehen – und immer wieder lauschen.

Die Wichtigkeit leise anzugehen wurde mir am Samstag der Woche zuvor bewußt, als ich bei einer Mittagspirsch um 14:00 Uhr zwei Rehkitze aus 20 m Entfernung an einer Kirrung beobachten konnte. Auf die Schüsse, die vom 400 m entfernten Großkaliber Schießstand zu hören waren reagierten die Rehe überhaupt nicht. Jedoch auf das leise Knistern, das ein einzelnes zusammengerolltes trockenes Buchenblatt auf dem Pirschweg verursachte, nachdem ich es mit meiner Stiefelsohle seitlich gestreift hatte, reagierten die Rehe alarmiert. Nun, es ergaben sich 40 Minuten mit einem gehaltvollen Verhaltensstudium der Gattung Rehwild.

Ich schaffte tatsächlich an der Ansitzleiter aufzubaumen ohne Stolpersteine loszutreten, und das war gut so. Wie vor jeder Jagd ermahnte ich mich zuerst, immer zuerst durch das Fernglas sauber anzusprechen und zu bestätigen, auf den natürlichen Kugelfang und auf ein freies vorderes und hinteres Schußfeld zu achten.

Kaum daß ich mich auf der Ansitzleiter eingerichtet hatte brach es hinter mir im trockenen Dickicht und ich vermutete einen einzelnen Dachs oder eine Sau. In dieser Dunkelheit schloß ich die Augen und kramte in meiner Erinnerungskiste nach bereits wahrgenommenen Geräuschen und Filmabschnitten und es blieb bei der Vermutung auf einen jungen Dachs. Rehe würden nicht derart brechen und eine Sau wäre deutlich lauter. So arbeitete ich an meiner Hoffnung, daß das passende Stück heraustreten möchte sobald Büchsenlicht eintreten würde.

Um 5:20 Uhr konnte ich am gegenüberliegenden Maisacker für einige Augenblicke einen jungen Dachs vermuten, aber das Licht reichte nicht für eine genaue Ansprache.

Das änderte sich merklich um 5:40 Uhr als ich die einzelnen Maisblätter und Stängel exakt differenzieren konnte. Nur leider zeigte sich nichts, kein Anblick! Unter mir raschelte es zwei mal ziemlich kräftig im dörren Reisig und dann herrschte Ruhe.

Das wird wohl in der Tat ein Dachs gewesen sein! Um 6:00 Uhr war es dann schon so hell, daß mir abzubaumen sinnvoll erschien.

Tagesanbruch im August um sechs Uhr früh

Also kramte ich leise meine Digitalkamera aus der Tasche meiner Fliesjacke, schaltete den Blitz ab und fing einige Impressionen vom anbrechenden Tag ein. An der Waldgrenze 70 m rechts von meinem Ansitz zog ein schmales Nebelfeld über den Stoppelacker. In der Ferne füllten sich die Täler mit Dunst. „Na Prima!“ sagte ich zu mir, „Genau das fehlt mir noch zu meiner geplanten Fotopräsentation über die Sommerjagd“.

Nebelfeld im Sommer

Ich stellte die Kamera auf die rechte Armauflage der Ansitzleiter und schaute auf den kleinen rückwärtigen Bildschirm. „Paßt - das Bild ist in der Kiste, und - gleich noch eines hinterher!“ Dann wollte ich dem Nebelschauspiel noch etwas mehr Bewunderung zollen und betrachtete mir die Szene etwas genauer.

Es war Schlag 6:15 Uhr und ich traute meinen Augen nicht. Da Stand ein Fuchs auf dem Schotterweg und regte sich nicht. Ich hatte ihn durch die Ablenkung mit der Kamera nicht anwechseln sehen. Die Kamera hatte ich noch in der Hand und ohne Fernglas konnte ich nicht erkennen, ob der Fuchs vielleicht zu mir hinauf äugte.

Ich mußte es wagen!

Ganz langsam glitt meine rechte Hand an der Armauflage in Richtung Rückenlehne, ohne den Fuchs dabei aus den Augen zu lassen. Alle Zellen in meinem Kopf arbeiteten. Vor meinem geistigen Auge lief ein Film ab, über den Bewegungsablauf der nun folgen müsse.

1. Kamera weit genug wegstellen, damit sie beim Anschlag nicht herunterfällt!
2. Kameratasche im Auge behalten, - die darf auch nicht herunterfallen!
3. Fernglas aufnehmen, sicher ansprechen, bestätigen, Schußfeld und Kugelfang prüfen!
4. Alles ganz besonnen durchführen!

Durch das Fernglas bestätigte ich den in Fuchs - der Fang war recht weit aufgesperrt, aber leer – sein Blick ging zu Boden, er stand auffällig breitbeinig.

Das war meine Chance!

Jetzt Fernglas absenken, mit der linken Hand in den Gewehrriemen der Marlin 336 eintauchen, damit einmal den Ellenbogen umschlingen und dann den Vorderschaft fassen. Nur nirgends anschlagen, oder gar den geflochtenen Riemen über die Armauflage rattern lassen! Die Waffe hoch genug anheben und dann sachte aufsetzen!

Mein Blick ging kurz zur Seite, zur Rückenlehne. Ja, das paßt mit dem Ellenbogen – Dreipunktauflage! Jetzt der Blick durch das Zielfernrohr. Der Leuchtpunkt war nicht mehr zu erkennen – es war schon zu hell geworden. Der Fuchs war im 4er Absehen aber ich wackelte ein wenig, ich war unsicher. Nein, es sollte ein sauberer Schuß werden!

Plötzlich war ich völlig gelassen, alle Aufregung war mit einem Schlag von mir gewichen, - ein vertrautes Gefühl, wenn die Wärme aufsteigt, völlig entspannt zu sein und wenn Ruhe und Seelenfrieden eintritt. Fast in Zeitlupentempo korrigierte ich meine Sitzposition, rückte weiter nach hinten, um auch im Rücken einen sicheren Halt zu bekommen.

Ja, da wackelt nichts mehr! Der Schießfinger entsicherte und der Daumen spannte gleichzeitig den Hahn – entspanntes Ausatmen! Der Schuß krachte, ich sah die Wirkung des .30“-30 MJG. Auf der abgewandten Seite des Fuchses zerstäubte es mächtig. Der Fuchs hob leicht ab, fiel mit einem Ruck auf die rechte Seite - und verendete sogleich. Ich lud noch einmal nach, ohne Hast, blieb drauf, sicherte dann die Waffe und - Hahn in Ruh!

Tod im Morgen

Fuchs am Wegesrande

Fünf Minuten bleib ich noch sitzen. Die ungewöhnliche Situation lief in meinen Gedanken noch einmal wie in einem Film ab. Dann baumte ich ab und ging zum Fuchs. Hubertus sei Dank, ein sauberer Blattschuß auf 70m! Auch bei dem Fuchs nahm ich mir noch etwas Zeit und empfand die Situation einmal mehr bestätigend für bereits erlebte Jagdsituationen: Die Aufmerksamkeit und die Konzentration darf bis zum Schluß nicht nachlassen!

30-30-MJG-FuchsEinschuß auf 70 m

30-30-MJG-FuchsAusschuß auf 70 m

Der Fuchs zeigte beim Ansprechen ein auffälliges Verhalten. Ich nahm Einmalhandschuhe und einen Mundschutz, prüfte den Wind und stülpte vorsichtig einen Kunststoffsack über den Fuchs. Dann nahm ich noch einen zweiten Sack und lies die Handschuhe und den Mundschutz darin verschwinden. Sicher ist Sicher! Wir Jäger tragen eine große Verantwortung – nicht nur für den Wildbestand!

Auf dem Weg zur Arbeit fuhr ich bei meinem Jagdfreund vorbei und berichtete was geschehen war. Der Fuchs wird im Rahmen eines zur Zeit laufenden Monitoring-Programms auf Tollwut untersucht werden.

Waidmannsheil, Wolfgang Gerhards