Bergschießen

Berg auf, Berg runter? Halte drunter!

Moin Lutz,

letztens bin ich beim Schüsseltreiben mit einem Jagdkameraden auf folgendes Thema gekommen. Eine Jägerweisheit besagt: bergauf, bergrunter - halte immer drunter! Ich versuchte folgendermaßen zu argumentieren:

Nehmen wir an, wir sind auf Gamsjagd im Hochgebirge. Als wir mitten im Hang sind, erblicken wir eine Gams auf dem Kopf des Berges. Mit dem Laser-Entfernungsmesser bestimmen wir eine Entfernung von 230 Metern. Zudem schätzen wir ab, das das Stück Wild stehe 150 Meter über uns steht. Wo halte ich an, wenn ich der Gams auf den Stich schießen möchte? Lösung: auf jeden Fall unterhalb meines sonst üblichen Haltepunktes!

Schnell veranschaulichen läßt sich dieser auf den ersten Blick unlogische Effekt im Extremfall (siehe kreis-schematische Darstellung): Schieße ich in der Steilwand senkrecht nach oben, wirkt die Gravitationskraft nur geschwindigkeitsreduzierend (jedoch nicht flugbahnabweichend), da der Schwerkraftskräftevektor "g" zu 100% entgegenwirkt. Dann habe ich nur noch die Höhendifferenz zwischen Laufseelenachse und Visierlinie auszugleichen. Einen Geschoßabfall muß ich jedoch nicht ausgleichen, da meine Geschoßflugbahn eine senkrechte Gerade nach oben ist und keine Flugparabel, wie im Waagerecht- oder Schrägschuß. Die Wirkung unter meinen üblichen Haltepunkten anzuhalten verstärkt, je steiler der Schußabgangswinkel und weiter die wahre Schußentfernung (nicht die über Grund) sind.

Da die Schwerkraft jedoch trotzdem während des gesamten Fluges wirkt, wirkt sich der Kraftvektor "g" in erhöhtem Maße geschwindigkeitsmindernd (beim Schuß bergauf) bzw. relativ gesehen geschwindigkeitserhöhend (beim Schuß bergab) aus.

Am folgenden (realistischen) Beispiel (siehe folgendes Bild)

zeigt sich, die Schwerkraft g (die den Abfall des Geschosses bewirkt und so die parabelförmige Flugbahn hervorruft) wirkt nicht auf den gemessenen 230 Metern flugbahnkrümmend wirkt, sondern relativ gesehen nur auf 174 Metern über Grunde (Parallelflug zur Erdoberfläche, wobei die Erdkrümmung vernachlässigt werden kann). Daraus folgt, das Geschoß nur auf 174 Metern über Grund nach unten abgelenkt wird und ich dementsprechend nur für eine Zielentfernung von 174 Metern (gemäß Haltepunktdiagramm) kompensieren muß.

Fazit: >„bergauf, bergrunter - halte immer drunter!>“ ist prinzipiell richtig, genauer wäre aber >„halte immer unter den üblichen Haltepunkten>“. Denn, nur weil ich - wie im Beispiel gezeigt - die in Gams schräg bergauf in 230 Meter Entfernung schieße, heißt dies nicht, daß ich > „unter>“ die Gams anhalte, sondern trotzdem >„drüberhalten>“ muß; jedoch nur halt nicht soviel, wie es die reine Schußentfernung erforderlich machen würde.

Ich möchte dies - soweit richtig gefolgert - auf meine Jagdwebsite stellen wollen, würde dies aber vorab gern von Dir nochmals quergecheckt wissen.

Vielen Dank für Deine kurze fachmännische Anwort, WH &; weiterhin gute Besserung,

Thies L., Montag, 16. Februar 2009 20:05

Nachtrag

Hallo Lutz,

das Thema hat mich doch nun nochmal intensiver beschäftigt und ich bin da zu neuen Überlegungen gekommen. Zusätzlich zum Kugeleinschlag ist gerade bei Steilschüssen noch der Penetrationsweg durch den Wildkörper zu beachten, - sprich welche Organe werden getroffen. Dies gilt es zudem zu beachten und hier unterscheiden sich der Schuß bergauf und bergab. Ein paar Berechnungen mit Winkelfunktionen (Abgangswinkel) unter Berücksichtung von GEE und tatsächlicher Entfernung zeigen, das Maß "Drüber- und Drunterhalten" ist nicht so trivial, wie zunächst angenommen.

Eine auf den ersten Blick recht gute Zusammenfassung habe ich eben im Internet gefunden, ... hier die zwei Links:

http://www.wochenblatt-dlv.de/grafiken/pirsch/infoservice/bergauf_beitrag_1.pdf

http://www.wochenblatt-dlv.de/grafiken/pirsch/infoservice/bergauf_beitrag_2.pdf

Ich werde das im Detail nochmal rechnerisch nachvollziehen.

Beste Grüße &; WH, Thies, Mittwoch, 18. Februar 2009 10:46

Bergauf - bergrunter.... Nachtrag II

Hallo Lutz,

nochmals zum Thema und nun überarbeitet für die "grobe Jagdpraxis". Details, wie z.B. die exakte Berechnung, überlasse ich Profis wie Dir oder guten Außen-Ballistik Programmen; ich denke, so kann man es stehen lassen:

Bergschuß / Winkelschuß: bergauf, bergrunter - halte immer drunter!

Was hat es mit dieser Jägerweisheit auf sich? Ersteinmal vorweg, - dieser Effekt ist rund um den GEE Bereich und bei Elevationswinkeln kleiner 45 Grad jagdlich gesehen so gut wie zu vernachlässigen.

Nehmen wir aber an, wir sind auf Gamsjagd im Hochgebirge. Als wir mitten im Hang sind, erblicken wir eine Gams auf dem Kopf des Berges. Mit dem Laser-Entfernungsmesser bestimmen wir eine Entfernung von 230 Metern. Zudem schätzen wir ab, daß das Stück Wild ~ 200 Meter über uns steht, wir also einen Winkelschuß von ~ 60 Grad anbringen müssen. Wo halte ich an, wenn ich der Gams auf den Stich schießen möchte? Lösung: auf jeden Fall unterhalb meines sonst üblichen Haltepunktes! Aber wo genau?

Schnell veranschaulichen lässt sich dieser auf den ersten Blick „unlogische Effekt“ im Extremfall (siehe kreis-schematische Darstellung): schieße ich in der Steilwand fast senkrecht nach oben, wirkt die Gravitationskraft nahezu nur geschwindigkeitsreduzierend (jedoch nicht flugbahnabweichend), da der Schwerkraftskräftevektor „g“ zu fast 100% entgegenwirkt. Einen Geschoßabfall muß ich dann kaum ausgleichen, da meine Geschoßflugbahn annähernd eine senkrechte Gerade nach oben ist und keine breit gezogene Flugparabel, wie im Waagerecht- oder Schrägschuß.

Beim Schrägschuß haben wir im Gegensatz zum Schuß in der Ebene die Besonderheit, daß die Gravitationskraft nicht senkrecht zur Flugbahn - und damit nur krümmend - wirkt, sondern in zwei Komponenten; flugbahnkrümmend und geschwindigkeitsmindernd (beim Schuß bergauf) bzw. relativ gesehen geschwindigkeitserhöhend (beim Schuß bergab). Die Kraft teilt sich also auf und bewirkt dadurch eine geringere Krümmung der Geschoßflugbahn. Der Fleckschußbereich II  „verschiebt“ sich dementsprechend nach hinten, die Überhöhung der Flugbahn zwischen den Fleckschußbereichen verstärkt sich, da der Winkel zwischen Visierlinie und Laufseelenachse - montagebedingt - konstant bleibt. Dies gilt es durch relatives „drunterhalten“ zu kompensieren. Genaue Werte können über ein gutes Ballistik Programm berechnet werden.

LM: QuickLoad mit QuickTarget für zu Haus oder Strelok für Android.

Überarbeitetes Schaubild siehe Anlage




Fazit: bergauf, bergrunter - halte immer drunter! ... ist prinzipiell richtig - bei extrem weiten und gleichzeitig steilen Schüssen. Genauso wichtig ist aber ein anderer Effekt beim Winkelschuß: der Schußkanal im Wildkörper. Man muß sich diesen immer dreidimensional (im Längsschnitt) vorstellen; nur so können die Wundwirkung des Geschosses „vorhergesagt“ sowie Unterschiede zwischen Bergab- und Bergaufschuß deutlich gemacht werden. Siehe dazu auch die ausführlichen und praktischen Schilderungen Winkelschuß-Grundlagen und Winkelschuß-Jagdpraxis von Peter Pulver (alias Grieder) in den Artikeln aus der Pirsch (14 & 15 / 2002).

Beste Grüße, Thies, Mittwoch, 18. Februar 2009 20:01