L. Vogl

über die Bedeutung des Patronenhalses

Pfad / Neuigkeiten / Munition / Patronenhals

Inhalt Sportpatronen | Jagdpatronen | Sonderfall Randpatronen | Zusammenfassung | Halsglüher | Glüherkosten Halsdurchmesser | Gutes Werkzeug pflegt die Seele

Der Patronen-/Hülsenhals verbindet das Geschoß mit der Treibladung. Er ist damit ebenso ein unabdingbarer Bestandteil einer Patrone, wie es Räder für einen Wagen sind. Leider muß man oft feststellen, daß dem Hülsenhals zu wenig Beachtung geschenkt wird, meistens, weil das Hülsenvolumen zu Lasten des Halses so weit gesteigert wird, als irgend möglich. Im gegenständlichen Artikel soll nun erörtert werden, welche Funktionen und welche Bedeutung der Hülsenhals hat. Hierbei ist es zweckmäßig zwischen Sportpatronen und Jagdpatronen zu differenzieren, da die Anforderungen an diese Patronentypen recht unterschiedlich sind. Eine gewissen Sonderstellung nehmen Randpatronen für Kipplaufwaffen ein. Klarzustellen wäre noch, daß sich diese Erörterung auf Flaschenhalspatronen, also Büchsenpatronen bezieht.

Sportpatronen

Die wichtigste Eigenschaft bei Sportpatronen ist eine möglichst Höhe Präzision. Der Präzision werden zumeist alle anderen Kriterien untergeordnet. Von einer Sportpatrone wird erwartet, daß sie ohne große Schützenbelastung wiederholbar genau schießt. Eine besonders wichtige Aufgabe kommt hierbei dem Hülsenhals zu. Das Geschoß soll nämlich möglichst zentriert und gerade im Hals sitzen. Jegliche Verkantung des Geschoßes kann abträglich für die Präzision sein. Selbstverständlich ist es wesentlich leichter das Geschoß verkantungsfrei zu setzen, wenn der Hülsenhals über eine ausreichende Länge verfügt. Je kürzer der Hülsenhals ist, desto leichter kann es zu Verkantungen kommen, die den Rundlauf der Patrone und somit die Präzision beeinträchtigen.
Betrachtet man typische Sportpatronen, wie etwa die 6 mm PPC oder die 6 mm BR Norma, dann findet man bei ihnen Hülsenhälse, die wesentlich länger als der Kaliberdurchmesser sind. Dies entspricht der einfachen Faustregel, wonach lange Hülsenhälse gut für die Präzision sind.

Jagdpatronen

Durchaus anders stellt sich die Situation bei Jagdpatronen dar. Gegenüber den Sportpatronen stellen sie immer einen Kompromiss dar, da sie neben der Präzision auch noch andere Eigenschaften, wie etwa ausreichende Leistung für die sichere Tötung des beschossenen Wildes aufweisen müssen. Die Präzision ist sicherlich auch bei den Jagdpatronen eine sehr erwünschte Eigenschaft, jedoch müssen diesbezüglich Abstriche gemacht werden. Jagdwaffen können nicht so kompromisslos auf Präzision ausgelegt werden, wie Sportwaffen. Sie sollten führig, also weder zu lang, noch zu schwer sein. Immerhin müssen Jagdwaffen teilweise auch weit getragen werden, etwa bei der Jagd im Gebirge. Es ist daher klar, daß man bei Jagdwaffen und Patronen nicht dieselben Maßstäbe bei der Präzision anlegen kann, wie bei Sportwaffen und den dazugehörigen Patronen.

Heutzutage neigt man aber dazu, auch bei Jagdwaffen die Latte bei der Präzision recht hoch anzusetzen, jedoch sollte dies nicht übertrieben werden, da es sich, wie gesagt, immer um einen Kompromiss handelt. Wenn ein Jäger in der Lage ist, mit seiner Waffe verlässlich auf 100 m einen Tennisball zu treffen, so bedeutet dies schon eine jagdlich durchaus brauchbare Präzision. Es ist nicht nötig - wie hin und wieder gefordert - auf 100 m auf den Daumennagel schießen zu können. Solche Postulate überfordern und verunsichern lediglich Jäger, die in der Lage sind, mit ihrer Waffe recht brauchbare Streukreise abzuliefern!

Abgesehen von der Präzision, die natürlich auch bei Jagdwaffen und deren Munition erforderlich ist, gibt es aber noch andere Beanspruchungen bzw. Belastungen der Patronen, die sich von Sportmunition deutlich unterscheiden. Sportwaffen sind meist Einzellader, die Patronen, die daraus abgeschossen werden sollen, werden meist nur einmal geladen und dann abgeschossen. Bei Jagdwaffen haben wir es oft mit Repetierbüchsen zu tun, die Patronen werden viele Male ins Magazin geladen und ins Patronenlager repetiert, bevor sie schließlich abgefeuert werden. Die dabei vorkommenden Manipulationen und Vorgänge können durchaus den Geschoßsitz verändern. Je nach Konstruktion des Systems werden die Patronen über eine "Rampe" aus dem Magazin in das Patronenlager geschoben. Dabei kann es vorkommen, daß das Geschoß einseitig und mit einem gewissen Druck berührt bzw. geführt wird. Je nach Federspannung des Magazins können hier spürbare Widerstände auftreten. Durch den mehrfachen Repetiervorgang, dem eine Jagdpatrone ausgesetzt sein kann, kann eine Lockerung des Geschoßsitzes, oder eine Verkantung entstehen, die ursprünglich nicht vorhanden war. Beides ist der Qualität der Patrone abträglich, auch, weil nicht alle Patronen gleichmäßig "abgenützt" werden. Viele Jäger haben die Angewohnheit beim Entladen das gefüllte Magazin zu entnehmen und die Patronen darin zu belassen bis zum nächsten Pirschgang. Dabei wird dann immer die oberste Patrone am öftesten ins Patronenlager repetiert und wieder ausgezogen.

Ein weiterer Aspekt der Abnützung von Jagdpatronen ist der, daß die Patronen, die sich im Magazin befinden, durch die Masseträgheit beim Schuss gegen die Magazinstirn geschleudert werden können, was dazu führen kann, daß sich der Geschoßsitz verändert (die Geschosse werden in die Hülse gedrückt). Dies geschieht vor allem bei stärkeren Patronen, wenn das Magazin keine Schulteranlage hat. Man hört daher immer wieder den Ratschlag, Jagdpatronen, die immer wieder geführt werden, nicht zu alt werden zu lassen, sondern diese beizeiten am Schießstand zu verschießen. Dieser Ratschlag ist uneingeschränkt zu befürworten!

Aufgrund der besonderen Beanspruchung von Jagdpatronen zeigt sich, daß auch bei Jagdpatronen ordentliche Hülsenhälse wünschenswert sind. Sie gewährleisten einen sicheren und festen Geschoßsitz, der weder durch Repetiervorgänge, noch durch die Schussabgabe (hinsichtlich der Patronen im Magazin) nennenswert beeinträchtigt werden kann. Bei starken Patronen, die einen eher wenig ausgeprägten Hülsenhals haben, wird oft empfohlen, diese zu crimpen, also den Hülsenmund mittels entsprechender Matrize einzukneifen. Dies erhöht die Festigkeit des Geschoßsitzes und mag eine gewisse Abhilfe schaffen, im Grunde handelt es sich hierbei aber doch nur um ein Hilfsmittel. Besser wäre es, wenn diese Patronen längere Hälse hätten, dann könnte auf das Crimpen verzichtet werden. Man muß in diesem Zusammenhang auch erwähnen, daß das Crimpen die Hülsen mehr beansprucht, also die Anzahl der Wiederladungen erheblich reduziert.

Als besonders gelungene Jagdpatronen mit sehr ausgeprägten Hälsen können folgende Patronen genannt werden: .222 Remington, .270 Winchester, 7x57, 30-06, .35 Whelen, .404 Jeffery (Aufzählung ist natürlich nicht vollständig)

Kurzhalsige Jagdpatronen sind hingegen: .223 Remington, 7mm WSM, .300 Winchester Magnum, (Aufzählung ist nicht vollständig)

Dem scheint zu widersprechen, daß Patronen wie die .223 Remington und die 7mm WSM mit einigem Erfolg bei sportlichen Wettbewerben eingesetzt werden. Näher besehen sind die Gründe hierfür aber ganz einfach. Derartige Patronen werden zumeist von Hand mit Matchmatrizen geladen, bei denen sich das Geschoß nicht erst beim Einpressen in den Hülsenmund aufrichtet, sondern schon gerade geführt wird, bevor es eingepresst wird. Danach findet eine penible Rundlaufkontrolle statt. Treten auch nur geringste Toleranzen auf, wird der Geschoßsitz korrigiert oder die Patrone neu geladen. Verschossen werden diese Patronen dann vorwiegend aus Einzelladern, kommen also nie in ein Magazin und werden zumeist auch nur einmal ins Patronenlager "gestreichelt", bevor sie verschossen werden. Unter solchen Umständen ist natürlich ganz klar, daß auch mit derart kurzhalsigen Hülsen eine gute Präzision erreicht werden kann. Ganz anders sieht dies im Jagdalltag aus, wo Patronen, die nicht mit derartigem Aufwand geladen werden, durch häufige Repetiervorgänge weit mehr beansprucht werden.

Man muß ganz einfach konstatieren, daß die .222 Remington der .223 Remington in puncto Präzision weit überlegen ist, und zwar deshalb, weil bei ihr mit ganz normalen Mitteln und auch nach mehrmaligem jagdlichen Einsatz eine Präzision erreichen kann, die bei der.223 Remington nur mit wesentlich größerem Aufwand zu erzielen ist! Verantwortlich hierfür ist der ausgeprägte Hals der .222 Remington, der bei der .223 Remington zugunsten einer keineswegs großartigen Leistungssteigerung arg gekürzt wurde.

Sonderfall Randpatronen

Randpatronen, die aus Kipplaufwaffen oder Blockbüchsen verschossen werden, sind ein Sonderfall. Sie werden nicht in der gleichen Weise beansprucht, wie die in Repetierern verwendeten Rillenpatronen. Sie werden, wie Sportpatronen in Einzelladern verwendet, befinden sich also nie in einem Magazin und werden auch nie durch einen mechanisierten Repetiervorgang in das Patronenlager befördert. Randpatronen werden immer von Hand geladen bzw. nachgeladen. Sie wären von daher die idealen Jagdpatronen, da sie durch die Beanspruchung bei der Jagd viel weniger abgenutzt werden, als Rillenpatronen in einem Repetierer. Außerdem gibt es kaum Randpatronen, die keinen ordentlichen Hülsenhals hätten. Die 8x75 RS ist eines der wenigen Beispiele für eine Randpatrone mit zu kurz geratenem Hals.

Zusammenfassung:

Wie sich zeigt, hat der Hülsenhals erhebliche Bedeutung für die Präzision, den sicheren Geschoßsitz und die Haltbarkeit von Patronen. Patronenhersteller sollten im Sinne der Ausgewogenheit der von ihnen entwickelten Patronen tunlichst nicht auf eine ausreichende Halslänge verzichten, insbesondere nicht, um einen Hauch mehr Rasanz/Leistung aus der Patrone herauszuholen. In der Praxis spielt dies erfahrungsgemäß gar keine Rolle, im Gegenteil, der Abnützungseffekt kurzhalsiger Rillenpatronen wiegt demgegenüber weit schwerer.

Sportpatronen benötigen für die erforderliche Präzision ohnehin lange Hälse die einen verkantungsfreien Sitz des Geschoßes gewährleisten.

Randpatronen haben zumeist ausreichend lange Hälse, der besonders feste Geschoßsitz wäre bei Ihnen wegen der jeweils einzeln erfolgenden Ladung von Hand nicht so wichtig, wie bei Rillenpatronen.

Ludwig Vogl, Freitag, 15. April 2016 09:41 (Vogllu/35)

Halsglüher

Herr Möller,

ich glühe die Hülsenhälse mit einem Gerät von "Annealing Made Perfect" AMP aus Australien.

Halsglüher

Feine, schnelle, exakte und saubere Sache.

Wmh, Peter Gurka, Donnerstag, 5. Oktober 2017 21:24

Glüherkosten

Betreff: AMP Annealing Made Perfect Induktions Hülsenglühgerät 220 Volt - grauwolf.net

Lutz,

als Jäger kann ich für 1.550 €uro 'ne Menge Hülsen kaufen.

Rainer Rother, Freitag, 6. Oktober 2017 12:17

Halsdurchmesser

Herr Möller,

wie bereits geschrieben würge ich die Hülsenhälse mit einem Lee Collet Die ein. Der Durchmesser des Aufweiters beträgt 7,73 mm. Hülsen sind von Lapua, die Hälse gering und nur soweit abgedreht, um eine weitgehend gleichmäßige Wandstärke zu erreichen. Hälse / Schultern werden regelmäßig weichgeglüht (Annealing Made Perfect - Maschine).

Welchen Aufweiterdurchmesser empfehlen Sie für optimalen Sitz Ihrer 7,6 mm Dreifaltigkeitsgeschoße? Ein Bekannter würde mir Aufweiter jeglichen Durchmessers fertigen. Ich habe keine Erfahrung mit Führbandgeschossen.

LM: Der innere Halsdurchmesser soll etwa 1/10 mm unter dem größten Geschoßdurchmesser liegen, bei 308 also bei knapp 7,75 mm Ø. Das Werkzeug soll den Hülsen entsprechend gefertigt werden. Das richtige Maß ist erst nach der Tat zu erkennen.

WmH, PG, Freitag, 6. Oktober 2017 23:16

Gutes Werkzeug pflegt die Seele

Herr Möller,

vielen Dank für Ihre Antworten.

Das AMP Gerät bezog ich nicht bei Grauwolf, sondern über einen eigenen Weg aus Australien. Das war eines der ersten Geräte, das nach Europa kam. Es kostete mich auch „nur“ 900 €. Wie Herr Rother zutreffend schrieb, ist für einen Einzelnen, trotz des geringeren Preises, als es bei Grauwolf zu erwerben, rein wirtschaftlich betrachtet, kaum sinnvoll. Doch gilt dies für Vieles im Leben, ich wollte es haben, nutzen, bin damit zufrieden und biete in meinem Umfeld Kollegen, Freunden und Interessierten die Möglichkeit, Hülsen zu glühen, kostenfrei an.

LM: Sehr freundlich.

Auch andere Teile meiner Wiederladeausrüstung sind überzogen, wirtschaftlich unvernünftig und wären in vorhandener Ausführung oder Güte  für meine Ziele als Schütze und Jäger nicht erforderlich. Dennoch freue ich mich daran, auch weil ich genaues technisches Arbeiten und Geräte, die ich dafür verwenden kann, sehr schätze.

LM: Gutes Werkzeug pflegt die Seele!

So konnte ich zufällig eine sehr gute erhaltene und einwandfreie Sartorius Laborwaage, die auf 0,001 Gramm genau und schnell mißt, um EUR 400.- erwerben. Neupreis EUR 4.800.- . Ich kenne nun von jedem Pulver, das ich verwende, das Gewicht eines einzelnen Kornes und entwickelte eine Weise, wie ich sehr schnell auf ein einzelnes Korn genau Ladungen abwiegen kann. Wiederum gilt: völlig überzogen und vielleicht für einen professionellen Wettkampfschützen in Weitschußdisziplinen auf international höchstem Niveau von Vorteil, für mich würde deutlich Geringerwertiges mit Sicherheit reichen.

LM: Eine sehr genau schießende CZ in 30-06, die ich kenne, weicht im süßen Fleck bei 0,010 g Pulverabweichung auf 100 m nur 1 cm ab, außerhalb der süßen Flecke, immerhin jedoch 3 cm. Daher lohnt sich für gute Treffer mit viel Zeit, Geduld und Sorgfalt eine Ladungsleiter zu schießen, um eine beste Ladung zu ermitteln (Lies Ladung zu ermitteln) die eine sehr genaue Waage allerdings unabdingbar vorausetzt. Murks ist Mist☻!

Habe ich eines Tages keine Freude mehr mit diesen Geräten, die nicht durch Gebrauch verschlissen werden, auf deren Erhalt ich sehr achte, zu arbeiten, so werde ich sie vermutlich zu einem Preis veräußern können, der nicht oder nur geringfügig unter jenem liegt, zu dem ich sie erwarb.

LM: Kommt's darauf denn an? Sie sind doch kein Händler!

So dies der Fall würde, wäre das vielleicht eine wirtschaftlich sinnvolle, vertretbare Lösung.

Für gewöhnliche Geräte, zumal länger benutzt, erzielt man beim Wiederverkauf zumeist nur minderen Erlös. Wenn ich zudem bedenke, wofür ich in meinem Leben schon, ohne die Frage der Wirtschaftlichkeit als mein Handeln bestimmend zugrunde zu legen, Geld ausgab, sind diese Anschaffungen halt ein weiterer Teil der Freude bereitet.

LM: So soll das sein.

So, ob der späten Stunde genug des Sinnierens. Wünsche einen angenehmen Abend.

LM: Danke. Ebenso. „Der billig kauft, kauft zweimal“, nämlich erstmal Murks, danach erst gut! Quelle: Unbekanntes Genie.

WmH, PG, Samstag, 7. Oktober 2017 21:38

Springe zurück zum Anfang